Klassik_News_11.05.22
Alle sind so verdammt ernst

Alle sind so verdammt ernst

Er ist eine echte Ausnahmeerscheinung im weltweiten Klassikbetrieb: Nigel Kennedy. Der britische Geiger erlangte Berühmtheit durch seine Einspielung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, aber auch durch seine Exzentrik und die Jazz- und Rock-Platten. Kennedy, der als Kind von Jahrhundertviolinist Yehudi Menuhin ausgebildet wurde, arbeitete im Lauf seiner Karriere mit Stéphane Grappelli, Isaac Stern, The Who, Paul McCartney, Kate Bush oder Robert Plant. Der 65-jährige Weltstar mit der Irokensenfrisur unterhielt Olaf Neumann mit Anekdoten aus seinem Leben

Mr. Kennedy, Ihre Autobiografie heißt „Unzensiert". Sind Sie schon einmal zensiert worden?

Nigel Kennedy: Ja, und zwar durch meine geliebte BBC. Als ich mich bei denen für meine Freunde in Palästina stark gemacht hatte, wurden aus meiner Rede 20 oder 30 Sekunden herausgeschnitten. Ich habe nicht mal etwas sehr Politisches gesagt, sondern nur, dass es schön wäre, wenn meine Freunde dort unten jeden Tag Zugang zu Wasser und elektrischem Strom hätten. Dinge also, die für uns selbstverständlich sind. Und was meine Autobiografie angeht: Der Original-Verleger in England wollte mir erzählen, worüber ich alles schreiben könne. Er dachte an ein politisch korrektes Buch. Da sagte ich zu ihm: „Fuck off! Ich habe mein Leben allein gelebt."

Sie schreiben, dass Ihr Stiefvater – ein Arzt - Ihre Mutter schlug. Einmal rannte er sogar mit dem Messer hinter Ihnen her. Wie hat diese schreckliche Erfahrung Sie geprägt?

Kennedy: Ich traue keinen Ärzten mehr! Beim Schreiben sind mir all diese Dinge peu à peu wieder eingefallen, aber ich lebe nicht in der Vergangenheit. In bin von so viel positiver Energie umgeben, was die Leute betrifft, mit denen ich zu tun habe. Ich denke normalerweise nicht an negative Dinge. Aber da ich als Kind schlimme Erfahrungen machen musste, habe ich das halt aufgeschrieben. Als mein Stiefvater mich mit einem Messer jagte, lief ich ihm davon und versteckte mich in einem Park. Dort wurde ich Zeuge einer Schwarze-Magie-Zeremonie, bei der ein Tier geopfert wurde. Da draußen war es offensichtlich auch nicht besser als zuhause.

Wie konnten Sie sich gegen Ihren Stiefvater wehren?

Kennedy: Jedes Mal, wenn mein Stiefvater aggressiv bzw. gewalttätig wurde, rief ich die Polizei. Die im Haus zu haben war schlecht für seinen Ruf als Doktor. Mit der Zeit benahm er sich besser.

Später bekamen Sie von Yehudi Menuhin persönlich eine Stipendium für die Menuhin School. Veränderte sich Ihr Leben zum Guten, als Sie sein Schüler wurden?

Kennedy: Diese Schule war nicht leicht für mich, aber zum Glück war Yehudi Menuhin eine charismatische, unverfälschte Person. Er hat nicht nur technisch Musik gemacht, er war auch ein spiritueller und sehr offener Künstler und Mensch.

Was zeichnet einen guten Lehrer aus?

Kennedy: Ich hatte in meinem Leben drei Lehrer, und die waren alle fantastisch. Meine erste Lehrerin war sehr rücksichtsvoll, denn sie merkte schnell, dass ich als Sechsjähriger mich höchstens zehn Minuten konzentrieren konnte. Sie gab mir dann Schokolade und ließ mich in ihrem Garten spielen. Der zweite Lehrer war Yehudi, ein großer Musiker und Charismatiker. Und dann war ich bei der Violinpädagogin Dorothy DeLay in New York. Sie zeigte mir, wie man sich alles selbst beibringen kann. Das war ein wichtiger Punkt in meinem Leben.

Was bedeutet es, als Künstler ein Freigeist zu sein?

Kennedy: Um Freiheit zu erlangen, muss man in der Lage sein, seine eigenen Strukturen zu schaffen. Ein Künstler ist ein freier Geist, wenn er sich nicht an Lehrpläne hält oder andere kopiert.

Sie attestieren der weltberühmten Juilliard School in New York rückblickend „musikalische Mittelmäßigkeit". Wieso haben Sie sich Mühe gegeben, 80 Prozent von dem zu verlernen, was man Ihnen dort beibrachte?

Kennedy: Weil jeder seine eigene Art hat, Musik zu spielen oder zu betrachten. Wenn ich zum Beispiel direkt neben einem über zwei Meter großen Kollegen stehe, wirke ich gegen den wie ein Pygmäe. Es ist für den Zuhörer viel angenehmer und lohnender, wenn man Musik auf seine eigene Art und Weise sieht und versteht. So zu spielen und sich so zu verhalten, als wäre man ein alternder Botschafter Liechtensteins, macht für mich überhaupt keinen Sinn. Und so musste ich fast alles wieder verlernen

Haben Sie von Yehudi Menuhin gelernt, den Mut zu haben, kompromisslos Sie selbst zu sein?

Kennedy: Man hört nicht jemandem zu und macht es dann genauso, man sieht sich eher an, was Beethoven gesagt hat. Zu viele Musiker haben leider die gleiche Einstellung und die gleiche Herangehensweise - egal ob es sich um klassische Künstler oder Rocker handelt, wo jeder schwarzes Leder tragen und schnell Gitarre spielen muss. Aber wenn man fast alle Regeln verlernt hat, kommen dabei wirklich gute Musiker wie Rick Wakeman, Stevie Winwood, Keith Jarrett, Fats Waller oder Art Tatum heraus.

Haben Sie sich von den meisten Dirigenten, mit denen Sie zusammengearbeitet haben, verstanden gefühlt?

Kennedy: Das hängt von der Person ab. Bei vielen verstehe ich nicht, was sie dazu motiviert hat, überhaupt Dirigent zu werden. Wenn die schon fähig sind, etwas Großartiges zu spielen, warum haben sie dann nicht Vergnügen daran, die Musik durch sich hindurchfließen zu lassen? Ich schätze, manchmal will jemand aus Egoismus Dirigent werden, oder es geht ihm ums Geld, oder er hat ein Machtbedürfnis und will vielen Leuten vorschreiben, was sie zu tun haben. In dieser Hinsicht habe ich keinen Respekt vor dem Beruf des Dirigenten. Ich habe es immer als einfacher empfunden, direkt mit einem Orchester unter 45 Musikern zu kommunizieren und ohne Dirigent einen viel besseren Beethoven zu spielen. Bei Brahms, Bartók oder Berg geht es jedoch nicht ohne visuelles Signal.

Ihr Vivaldi-Album „Vier Jahreszeiten“ von 1989 veränderte Ihr Leben von Grund auf und wurde eine der meistverkauften klassischen Platten überhaupt. Warum fühlten Sie sich nach diesem Erfolg in der klassischen Welt so unwohl?

Kennedy: Die Leute dachten, ich sei schuldig, nachdem ich zwei Millionen Platten verkauft hatte. Ein klassischer Musiker oder ein Jazzer darf nach deren Verständnis höchstens 5000 Einheiten absetzen. Es gab so viele, die mich kritisiert haben - und dann haben sie versucht, aus Neid das Gleiche zu tun. Ich habe mich nie wie ein typischer klassischer Musiker verhalten. Ich war schon immer ein bisschen ein Motherfucker und spiele auch auf der Straße oder in Jazzclubs. Ich bin manchmal auch wütend, denn ich bin ein Mensch. Vielen klassischen Musikern wurden die Gefühle abtrainiert. Vielleicht sind die zu Hause furchtbar. Ich bin nicht wie Gandhi, aber ich hoffe, dass ich einige schöne Dinge mit anderen Menschen teilen kann.

Kaufen Sie Ihr punkiges Outfit bis heute auf Märkten?

Kennedy: Ich mag es nicht, mehr als 50 Euro für ein Kleidungsstück auszugeben. Das wäre Verschwendung. Zum Beispiel das Aston-Villa-Shirt, das ich gerade trage. Mir ist wichtig, was in Klamotten drin ist und nicht, was auf ihnen draufsteht. Das gilt übrigens auch für mein Buch. Im Konzertsaal versuche ich, dem zahlenden Publikum das Gefühl zu geben, dass es in meinem Wohnzimmer ist. Es kann sich entspannen und Musik ohne Grenzen hören, die es hoffentlich wert ist, Zeit mit mir zu verbringen.

Geben Sie Ihr Geld lieber für Instrumente als für Markenkleidung aus?

Kennedy: Nun, ich habe sicher viel zu viele Violinen hier, aber auch Gitarren, ein Cello, fünf Pianos. Ich gebe aber nicht wirklich viel Geld für solche Dinge aus. Ich habe einige moderne Geigen gefunden, die genauso gut sind wie die alten. Ein Geigenbauer, den ich sehr schätze, sitzt in Brooklyn/New York und heißt Stigman Tovich. Seine Kopie einer Guarneri klingt besser als mein Original. Wenn man ohne Klassenbewusstsein einfach zuhört, kann man erstaunliche Dinge entdecken.

1986 spielten Sie auf Paul McCartneys Single "Once Upon A Long Ago" mit. Wie arbeiteten Sir George Martin und Sir Paul im Studio?

Kennedy: Als ich mit Sir Paul aufnahm, war Phil Spector der Produzent. Sie wissen schon, dieser merkwürdige Typ, der später eine Frau erschoss und voriges Jahr im Gefängnis starb. George Martin hat den Song lediglich abgemischt. Es war schon erstaunlich, was Paul wollte. Ich habe in der kurzen Zeit, die ich mit ihm zusammen im Studio war, eine Menge übers Musikmachen gelernt. Er hat keine psychologische Barriere, wenn es darum geht, Bass zu spielen. Er ist übrigens auch ein brillanter Keyboarder.

Was wollte McCartney genau von Ihnen?

Kennedy: Paul wünschte sich Romantik und so spielte ich etwas, das sich an Csárdás-Musik orientierte. „Nein, ich sagte romantisch!" Was zum Teufel meinte er damit? Ich dachte, George Harrision hat doch irgendwie romantisch gespielt und so habe ich etwas gemacht, das ein bisschen nach ihm klang. Und das hat Paul dann gefallen: "Wir haben es!" Es war sehr einfach, mit ihm zu arbeiten. Jeder fühlte sich im Studio wohl. Er hat keinen Maestro-Scheiß gemacht.

Wie war es, in seinem Privatjet mitzufliegen?

Kennedy: Sehr gut, denn es gab da jede Menge kostenlosen Alkohol und keine Zoll-Kontrolle.

Wann haben Sie das erste Mal gespürt, dass Sie als Violonist ein rechtmäßiger Interpret des musikalischen Erbes von Jimi Hendrix sind?

Kennedy: Ich hatte sofort einen Bezug dazu, als ich "Purple Haze" spielte, weil ich wusste, wie das Kronos Quartet es auf sehr klassische Weise getan hat. Ich dachte, da muss doch ein verdammter Rhythmus drin sein. Hendrix hatte nicht umsonst Mitch Mitchell in seiner Experience. Nachdem ich „Purple Haze" in einer Live-Show gespielt hatte, rief mich die Hendrix Stiftung an: ob ich nicht mehr von seiner Musik interpretieren wolle. Wenn die mich fragen, dann bedeutet das etwas, das sich lohnt.

Was interessiert Sie als klassisch geschulten Musiker an Hendrix?

Kennedy: Ich begann, mich intensiv mit seinen längeren Werken wie "3rd stone from the sun" oder "1983... (A Merman I Should Turn to Be)" zu beschäftigen. Jeder Hendrix-Song bewegt sich in vielen verschiedenen musikalischen Welten, in die man hineingehen und etwas verstärken oder spezifizieren kann, ohne zu kopieren. Ich bin daran interessiert, eine Komposition weiterzuentwickeln. Ich habe zum Beispiel eine Version von "1983... (A Merman I Should Turn to Be)" gemacht, die zweieinhalb Stunden dauert.

Sind Rockmusiker, die das absolute Gehör besitzen, automatisch musikalische Wunderkinder?

Kennedy: Einige sind es, andere nicht. Großartige Sänger wie Planty haben ein sehr gutes relatives Gehör. Er kann hören, was jemand tut und sofort darauf reagieren. Es würde mich nicht überraschen, wenn Paul McCartney das absolute Gehör hat. Die Harmonien und die Tonarten, die er in seinen Liedern verwendet, sind so ausdrucksstark. Würde man zum Beispiel "She's leaving home" in E-Dur ändern, hätte es eine ganz andere Wirkung als in D-Dur.

Sie schreiben Ihre eigenen Kompositionen nie auf. Vergessen Sie nie etwas, wenn es um Musik geht?

Kennedy: Wenn ich meine eigene Musik schreibe, fange ich immer abends oder nachts damit an. Vergesse ich Ideen bis zum nächsten Morgen, waren sie scheiße. Die Stärkeren überleben. Wenn man den gedruckten Scheiß vor sich hat, schränkt das das Denken ein, weil man Noten liest, anstatt der Musik zuzuhören. Man ist weniger empfindlich. Das schafft eine Barriere zwischen dir und deinen Kollegen und dem Publikum.

Beim Lesen Ihres Buches bekommt man den Eindruck, dass Sie sich der Musik zu 100 Prozent hingeben. Dem gegenüber stehen Partyexzesse und kindische Aktionen wie das Werfen von Fernsehern von Hoteldächern. Besteht zwischen beidem ein Zusammenhang?

Kennedy: Wenn man zu viel getrunken hat, sind die Reaktionen langsamer und deshalb hat dieser Fernseher die Pet Shop Boys auch verfehlt. (lacht) Als Musiker stößt man viel Adrenalin aus, besonders vor Publikum. Alles ist sehr intensiv. Und dann fängst du an, solche Dinge zu tun, was manchmal einfach sein muss. Es schafft ein Gleichgewicht im Leben. Als Musiker reif oder erwachsen zu sein, hilft nicht. Wenn wir unser Herz offen haben und ein bisschen naiv sind, können wir verdammt gute Musiker sein. Wir sind schließlich keine Geschäftsleute.

Nigel Kennedy "Unzensiert! Mein Leben“ (Tropen, 496 S, geb, € 28,-, 978-3-608-50020-2) - VÖ: 13.4.2022

Nigel Kennedy live 2022:
10.07.2022, Weinstadt-Großheppach, Mühlwiesen Nigel Kennedy (When I'm 64)
26.11.2022, Arnstadt, Johann-Sebastian-Bach-Kirche (When I'm 64)
08.06.2023, Bad Honnef an Rhein, Insel Grafenwerth (Nigel Kennedy & Uli Jon Roth & Kölner Symphoniker)
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