![]() | Pop_News_06.11.26 DEXYS MIDNIGHT RUNNERS - LIEBE ALLERORTENNatürlich muss man diese aktuell siebenköpfige Formation aus Birmingham rund um ihren so exzentrischen wie gelegentlich cholerischen Mastermind Kevin Rowland und die eigenwillig-zeitlose Band-Philosophie mögen. Auch das Übermaß an Drama, Pathos und immer wieder Kitsch in den Liedern wie in den Bühnen-Präsentationen ist gewöhnungsbedürftig. Doch wer sich darauf einlässt, wird bei den Dexys Midnight Runners von fettem Celtic Soul richtiggehend überschwemmt, von treibenden, immer wieder ergreifenden Melodien, von Theatralik in Höchstform. Laut ihrem 73jährigen Frontmann Rowland mit den irischen Wurzeln ist die aktuelle Scheibe „Love“ die persönlichste, welche diese bunte Truppe je eingespielt hat. Rowland erzählt in den Versen berührend von seiner Kindheit und Jugend als Sohn irischer Einwanderer, so ziemlich das gesamte Text-Geschehen dreht sich überhaupt um Liebe, Verlust und Versöhnung. „Love“ ist ein anachronistisch anmutender Klassiker. Findet auch Kevin Rowland im Interview, das als ZOOM-Gespräch beginnt und rasch zum klassischen Telefonat führt, weil ein dröhnendes Dauer-Echo die Konversation nahezu unmöglich macht. Warum ist das neue Werk Ihrer Truppe schlicht mit „Love“ betitelt, wie würden Sie dieses Wörtchen definieren? Liebe ist für mich ein ständiger „work in progress“. Mal bin ich der klassische Romantiker schlechthin. Doch nach einige Monaten weicht dieses himmelhochjauchzende Gefühl dem nackten Alltag, der für Liebesschwüre und Rosensträuße jeden Tag nichts übrig hat. Als ich etwa das Lied „You’ve Gut The Love“ komponierte, schwebte ich mindestens auf Wolke Sieben. Wenn ich mir das Stück jetzt auf „Love“ anhöre, berührt es mich in keiner Weise mehr. Also: Ich liebe es auch in meinem vorgerückten Alter noch, mich frisch zu verknallen. Aber diese Emotion verschwindet schnell. Dann beende ich in der Regel die Sache. Für lange Beziehungen scheine ich nicht geschaffen zu sein. Daher also all das Drama in ihren Songs… Es ist ein gewichtiger Teil davon. Doch ich sehe das Dasein als ein einziges Drama per se, von Anfang bis Ende. Es hilft mir gegen Langeweile. Denn Langeweile ist Stillstand, ist Tod. Laut Plattenfirma ist „Love“ Ihr persönlichstes Album… Ich maße mir nicht an, das zu beurteilen. Meiner bescheidenen Ansicht nach ist jede Arbeit von mir äußerst persönlich. Ansonsten lebt sie nicht, ist auch nicht authentisch. Doch Kunst muss aufrichtig sein. Sie benötigen stets ziemlich viele Mitstreiter, um eine Platte zu realisieren. Warum dieses Teamwork? Dieses Mal sind wir ein Septett. Einfach deshalb, weil das notwendig ist, um meine Vision zu realisieren. Die Umsetzung ist ziemlich nah an dem, was ich im Kopf beim Schreiben höre. Angeblich soll „Love“ die letzte Produktion unter dem Namen „Dexys Midnight Runners“ sein. Stimmt das? Über so etwas Lapidares denke ich wirklich nie nach! Es ist doch völlig egal, unter welchem Label mein Sound an die Öffentlichkeit gerät. Hauptsache ist, dass ich mir das Zeug gerne anhöre. Dieses Mal geht es in Ihren Texten stark um Kindheit und Jugend. Und auch um ein bisschen Politik, richtig? Um Politik geht es kaum. Ich bekunde höchstens mal meine Sympathie für die IRA. Ohne die würde es in meinen Augen die „Irische Union“ nicht geben, was ich sehr bedauern würde. Jugend und Kindheit hingen nehmen einigen Platz ein. So singe ich im Stück „My Life in England Pt. 1“ etwa, dass wir Iren waren, in England lebten und von Amerika träumten. Allerdings nicht von dem grauenhaften Trump-Amerika, sondern von den Elvis-USA, von Jeans oder Cassius Clay. Das alles stand für die absolute Freiheit, in dieses Land wollten wir unbedingt. Wir wollten fliehen aus der grauen britischen Enge der 60er Jahre in die Farbenpracht etwa von Graceland. Sie sind stets elegant gekleidet. Welche Rolle spielt „Image“ in Ihrem Dasein? Eine ganz entscheidende! Für hübsche, ungewöhnliche Klamotten habe ich sehr früh geschwärmt. Ein Mensch ist so, wie er sich der Öffentlichkeit präsentiert. Die meisten meiner Kleider designe ich selbst. Im Anschluss gehe ich zu einem befreundeten Schneider mit meinen Entwürfen. Der fertigt mir die Sachen am Ende an. Ich trage schon mal Jeans. Aber wenn, dann nur Originale aus den 50ern. Image ist so ziemlich alles, was mich auszeichnet. Außer einer bereits absolvierten Show am 10.Oktober in der Berliner „Passionskirche“ sind aktuell keine weiteren Auftritte in Deutschland angekündigt. Gibt es Pläne für Konzerte bei uns in absehbarer Zeit? Ziemlich sicher 2027! Wir werden als Septett auf der Bühne stehen, vier bis fünf neue Songs spielen, der Rest ist ein Potpourri aus unserer gesamten Karriere. Das Drama-Level wird wie stets bei uns sehr hoch ausschlagen auf der Emotions-Skala. MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK Foto: PIAS Records
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