Pop_News_23.10.26
POPOL VUH - EWIGES SCHAMANENTUM

POPOL VUH - EWIGES SCHAMANENTUM

Das voller Stolz gleich als erstes: Popol Vuh haben in den 30 Jahren ihrer Existenz nichts weniger als Musikgeschichte geschrieben. Mit ihren ersten beiden Alben „Affenstunde“ und „In den Gärten Pharaos“ waren sie Pioniere der elektronischen Musik. Mit „Hosianna Mantra“ („eine der schönsten und ergreifendsten Platten überhaupt“, so das deutsche Fachblatt „Musik Express“ 1973 völlig zurecht) nahmen sie bereits bei Erscheinen des Werks Anno ’72 den Begriff „New Age-Musik“ vorweg. Durch die Soundtracks für zahlreiche Werner Herzog-Streifen wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ oder „Nosferatu“ begründeten Popol Vuh das Genre von der eigenständigen Filmmusik. Mit dem Meisterwerk „City Raga“ von 1995 haben sie es perfekt geschafft, dem oftmals seelenlosen Metier Techno eine spirituelle Seele einzuhauchen. Und mit dem letzten Album „Messa Di Orfeo“ von 1999 haben Popol Vuh erreicht, Installation und atmosphärische Klänge unter einen emotionale Wärme spendenden Hut zu bringen.

Popol Vuh war zwischen 1970 und 2001 die künstlerische Vision des gebürtigen Lindauers Florian Fricke. Die Musik dieses Projekts mit mehrmals wechselnden Mitstreitern wird weltweit gerne als „magische Musik“ bezeichnet. Musik, die einen Raum schafft, in dem der Hörer sich neu erfahren kann. Fricke selbst hat seine Klänge am liebsten mit „Shamanism Music“ oder „Fantasy Music“ tituliert – oder auch: „Musik von Herz zu Herz, ursprünglich, sanft und wild zugleich.“

Florian Fricke sah in seiner Musik neben der Verpflichtung, ein „Klang-Abenteurer“ zu sein, wie ihn der populäre italienische Journalist Enzo Gentile bewundernd nannte, auch einen kosmopolitischen Anspruch: „Es ist schwer zu verstehen, dass wir als Menschen wohl Einzelne und doch verbunden sind als eine Einheit“, sagte er einmal. „Egal, ob schwarz oder weiß, gelb oder rot – wir sind e i n e Menschheit. Wenn Politik und Religionen immer wieder von neuem Trennungen schaffen, ist es umso mehr die Aufgabe und die – nur vordergründig ohnmächtige - Möglichkeit der Kunst, verbindend und einigend zu wirken.

Insbesondere die Musik, und zwar die populäre Musik, hat sich dem Weg der Verschmelzung von Stilrichtungen der unterschiedlichsten Kulturen zugewandt. Im Entstehen ist, was wir heute schon „Weltmusik“ nennen können. Je mehr der Geist der Vernichtung herrscht, umso notwendiger ist es, sich dem Geist des Friedens zuzuwenden.“

Diesem Anspruch fühlte sich Florian Fricke mit Popol Vuh auf mehr als 20 Alben verpflichtet. Stets war er Wegbereiter ganz eigener Klänge, nie verriet er sich selbst in seiner Arbeit, mit jedem neuen Werk erfand Fricke sich und seinen Anspruch an musikalische Spiritualität und an tief gehenden Humanismus neu. Am 29.12.2001 war sein Körper zu schwach, um den Kampf weiter aufzunehmen gegen eine Welt, die ihm kalt und seelenlos vorkam, und die er wohl gerade deshalb mit der Intensität seiner Kompositionen zu erwärmen versuchte – er starb vor beinahe genau einem Vierteljahrhundert im Alter von nur 57 Jahren in seiner langjährigen Wahlheimat München.

Was der Menschheit bleibt, ist ein fulminantes Oeuvre, das jetzt peu á peu bei ESOTERIC/CHERRY RED neu aufgelegt wird. Dieser Tage kommt die 4-CD-Box „Mantras - The Albums 1970- 1972“ in den Handel. Darin enthalten sind die ersten drei Alben von Popol Vuh, sowie extra „Hosianna Mantra“ in einer auf der neuesten technologischen Stand gebrachten Remix-Version. Dazu etlich bislang unveröffentlichte Film-Mitschnitte aus den frühen Jahren des Projekts als BluRay. Eine grandiose Würdigung dieser Ausnahme-Klänge!

Und vielleicht ist es ja auch so, dass Frickes alter Freund und Wegbegleiter, der Regisseur Werner Herzog, recht behält mit seiner Einschätzung zum traurigen Stand der Dinge: „Zutiefst betroffen versuche ich mir einzureden, es sei nur ein Gerücht, dass Florian nicht mehr auf dieser Erde ist, aber dann macht sich eine seltsame Gewissheit breit: Er ist irgendwie noch unter uns, mit seiner Stimme, seiner Musik – verborgen zwar, entfernt. Wirklich verlassen hat er uns allerdings nicht.“

MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
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