Pop_News_25.09.26
STEVE HACKETT/STEVE ROTHERY - DAS EWIGE RAUSCHEN DER WELLEN
Der Hafen von Whitby, im Nordosten der englischen Grafschaft Yorkshire gelegen, dient seit dem 7. Jahrhundert einer größeren Fischereiflotte, bietet aber auch eine geschützte Anlaufstelle für Schiffe vor den zahlreichen Nordseestürmen, welche die Gegend regelmäßig heimsuchen. Die kleine Stadt mit heute rund 13.000 Einwohnern war gleichfalls Ausbildungsstätte für James Cook, einem der bedeutendsten Seefahrer Großbritanniens. Autor Bram Stoker wiederum ließ seinen legendären Romanhelden Graf Dracula mit seinem Schiff in Whitby ankommen, weshalb es dort ein Dracula-Museum gibt.
An diesem richtiggehend magischen Ort wuchs der Marillion-Gitarrist Steve Rothery auf. Er hat das Rauschen des Meeres bis heute nicht vergessen. „Das konnte man selbst im Winter hören“, schwelgt er. „Überhaupt war Whitby ein extrem stimmungsvoller Ort für mich zum Aufwachsen. Sehr poetisch, geheimnisvoll und energetisch.“
Ehe Rothery mit Steve Hackett das gemeinsame Album „The Roaring Waves“ aufnahm, „entführte“ er ihn erstmal in seinen Heimatort. „Dieser Besuch war mein Debüt in Whitby“, berichtet Hackett, „als ich mit dem „anderen Steve“ dort flanierte. Ich war sofort angetan, vor allem von der geheimnisvollen Aura dieses Platzes. Doch das Grundthema unserer Platte - die Faszination für jegliche Arten von Gewässern - schlummerte bereits vorher in mir. Die ständige Bewegung. Das Gleichmäßige. Auch mal das Stürmische. Das alles ist wunderbar und äußerst inspirierend!“
Die „beiden Steves“ kennen sich bereits seit rund vier Dekaden. „Irgendwann Mitte der 80er war ich zu einem Gig im Londoner „Marquee-Club“ eingeladen, bei dem Marillion auftraten, damals noch mit Fish als Frontmann“, erinnert sich Hackett. „Ich konnte mit dem Sound der Gruppe nicht allzu viel anfangen, bewunderte allerdings schon damals das virtuose Gitarrenspiel von Rothery. Zu jener Zeit war ich eines seiner ganz großen Idole. Deshalb ließ er es zu, dass ich ihn ein wenig coachte. Heute hingegen sind wir Freunde auf Augenhöhe. Wir und unsere Frauen treffen sich relativ regelmäßig auch außerhalb der Studiomauern.“
Es ist bereits elf Jahre her, dass Steve H. und Steve R. beschlossen, eine gemeinsame Scheibe aufzunehmen. „Doch da wir Beide sehr viel mit unseren Projekten beschäftigt sind, hatte sich außer ein paar Jam-Sessions nichts Gemeinsames ergeben“, erklärt Hackett. „Erst als das Corona-Virus die Erde weitgehend zum Stillstand brachte, war es an der Zeit, dass wir uns für zwei Monate ausklinkten, um „The Roaring Waves“ in Angriff zu nehmen.“
Als die Quarantäne-Regelungen abgeschafft wurden, spielten Hackett und Rothery manche Parts der Produktion Auge-in-Auge in unterschiedlichen Studios ein. Der 66jährige und sein zehn Jahre älterer Kompagnon hielten sich ziemlich rigide an die Corona-Auflagen, „denn wir sind in einem Alter, wo man eine Infektion länger auslaboriert“, meint Hackett. „Doch ursprünglich war geplant, dass wir „The Roaring Waves“ ganz klassisch-altmodisch gemeinsam aufnehmen. Zumindest teilweise konnten wir unsere Vision auf diesem Weg realisieren.“
Hackett sieht das Album „weniger als klassische Progressive Rock-Angelegenheit“, meint er, „sondern eher als Soundtrack für einen imaginären Streifen. Der „Film Noir“ kommt mir in den Sinn, dessen Schwarz/Weiß-Ästhetik. Dazu würde unser atmosphärischer Stoff sehr gut passen. Er hat jede Menge cineastischer Einflüsse.“
Aufgenommen wurde das Werk mit „kleiner Mannschaft“, deren Fokus Steve & Steve waren. „Wir spielten beide natürlich Gitarre und auch Bass, ich habe schon mal zur Mundharmonika gegriffen“, reflektiert Hackett. „Dazu hatten wir gleich zwei Schlagzeuger sowie eine Keyboarderin an Bord. Und beim finalen Stück haben alle Beteiligten inklusive unserer beiden Gattinnen etwas Sinnfreies geträllert. Alles verlief konzentriert und dabei sehr harmonisch ab.“
Der Ältere der beiden Steves bringt Licht ins Produktions-Dunkel von „The Roaring Waves“: „Irgendeiner von uns Zwei hatte die Idee für ein Riff. Der Andere ließ sich darauf ein. Sofort wurde ausführlich gejammt. Und wenn wir Glück hatten, kristallisierte sich irgendwann eine ansprechende Melodie heraus. Die erschien am Ende auf dem Album. So einfach!“
Gibt es bereits Pläne für den Nachfolger der aktuellen Arbeit? „Ich drücke es mal salomonisch aus“, lacht Hacket schelmisch: „Es würde mich wundern, wenn ein Nachfolger nicht kommen würde. Wir haben bereits eine Menge darüber debattiert. Doch jetzt müssen wir uns erstmal darum kümmern, dass unser Debüt von der Öffentlichkeit angenommen wird. Dann erst können wir weitere Nägel mit Köpfen machen.“
MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
FOTO: Anne-Marie Forker