Pop_News_18.09.26
SatchVai - Neues aus der Gitarren-Meisterklasse
Schlappe 53 Jahre hat es gedauert, ehe sich die beiden New Yorker Gitarren-Götter Joe „Satch“ Satriani und Steve Vai dazu durchrangen, ihre gemeinsame Sache zu realisieren. Kennen gelernt hatten sie sich in der Tat 1973: Steve war 13 und brauchte einen Gitarrenlehrer, um sein Spiel auf dem Sechs-Saiter zu verfeinern. So stieß er auf den vier Jahre älteren Steve, bereits damals ein Zupf-Meister der Extraklasse. Er brachte seinem Zögling in den folgenden drei Jahren ziemlich alles bei, was sein präzises, teilweise rasend schnelles Spiel bis heute auszeichnet.
Im Anschluss heuerten die Beiden in verschiedenen Bandprojekten an und verwirklichten sich parallel dazu auf Solo-Pfaden. Aus den Augen verloren sich die zwei Charmeure, inzwischen Mitglieder in der Gitarren-Meisterklasse, allerdings all die Dekaden über nicht.
Die Idee für SatchVai nahm im vergangen Jahr Gestalt an, als Satriani und Vai auf 30jähriger G3-Jubiläumstournee waren, zusammen mit dem texanischen Virtuosen Eric Johnson. Die Idee hinter der Konzertreihe ist, dass drei Gitarristen zunächst eigene Lieder spielen, im Anschluss gemeinsam drei Coversongs. Ein großes Spektakel! Und mit einem Mal durchströmte Satch und Vai die Vision: „Warum nicht nach all der langen Zeit der Kumpanei und gegenseitigen Wertschätzung einfach mal was zusammen auf die Beine stellen“?
Gedacht, getan - jetzt gibt es SatchVai! „The Sea Of Emotion“ nennt sich das akustische Ergebnis, eine reines Instrumentalwerk, mit Ausnahme des Songs “I Wanna Play My Gutar“, auf dem Altmeister Glenn Hughes seine Stimmbänder zum Röhren bringt. Ansonsten bricht ein wahres Gitarren-Inferno über den Hörer herein.
Steve Vai, die eine Hälfte des Duo Infernale, ist jedenfalls hoch-zufrieden mit dem Klang-Resultat. Was ihm beim ZOOM-Interview unschwer anzuhören ist.
Warum dauerte es über ein halbes Jahrhundert, ehe SatchVai jetzt am Start ist?
Das ist das Drama des Vielbeschäftigten - er muss erst mal lange Zeit in die Ferne schweifen, ehe er das Gute erkennt, dass so nah liegt. (lacht) Spaß beiseite: Wir haben immer mal wieder vage über das Projekt nachgedacht. Dann aber die Sache wieder verworfen. Doch jetzt war es an der Zeit, die Sache anzugehen. Joe ist 70, ich bin 66. Wann also, wenn nicht jetzt?
Gibt es eine Art Konzept hinter den zehn Stücken auf der Platte?
Beim Aufnehmen haben wir uns zurückversetzt in unsere Jugendzeit, als wir uns kennen lernten. Wir waren hochgradig pubertierende Teenager voller Saft und Kraft. Das meiste davon haben wir in unser Gitarrenspiel gesteckt, weil das mit den Mädels nicht so einfach war. (lacht) Deshalb auch der Albumtitel „The Sea Of Emotion“. Wir steckten als Teens in einem Strudel der widersprüchlichsten, überbordenden Gefühle fest, die wir nicht recht einzuordnen wussten. Die Klampfen halfen uns, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen. An diesen Zustand haben wir uns erinnert, als wir komponierten.
Um das Projekt zu realisieren, habt ihr eine Crew hinter euch geschart. Wie wichtig sind diese Musiker?
Ohne die klänge die Scheibe vollkommen anders, wesentlich intimer, was uns nicht interessiert hat. Wir haben all diesen Cracks gesagt, was wir von ihnen musikalisch erwarten. Das haben sie umgesetzt. Auf höchstem Niveau. Doch Joe und ich standen die ganze Zeit über im Fokus des Geschehens.
Wie war das gemeinsame Arbeiten zwischen euch Beiden?
Hochgradig konzentriert. Und extrem entspannt zur selben Zeit. Wir saßen in unseren eigenen Studios zu Hause, puzzelten an Liedern, schickten die Sachen dem anderen zu, der fummelte daran, schickte das Zeug zurück. Und irgendwann trafen wir uns, um die Sachen einzuspielen. Ganz in guter alter Tradition.
Die Arbeit an „The Sea Of Emotion“ war also ein durchgehend demokratischer Prozess?
Na ja, nicht ganz. Denn jede funktionierende Demokratie braucht einen fähigen Präsidenten, der die letztendliche Entscheidung fällt. Dieser Typ war bei uns definitiv Joe. Ich war übrigens sehr gerne sein Untergebener, weil man mir jegliche kreative Freiheit ließ.
Gab es beim Aufnehmen eine Art Idole, die euch vorschwebten?
Ganz klar unsere Heroen aus den 70ern, denn diesem Zeitalter ist die Platte schließlich gewidmet. Wir hatten Bands wie Aerosmith, KISS, Queen, das Mahavishnu Orchestra oder King Crimson vor Augen. Zeug eben, mit dem wir groß geworden sind. Das haben wir versucht, ins aktuelle Jahrhundert zu übertragen.
Was für ein Verhältnis habt ihr zu euren Instrumenten - ist das sehr unterschiedlich oder sehr identisch?
Was für eine intime Frage! Ich weiß nur, dass wir unsere Gitarren außerordentlich lieben. Weil sie schon so lange an unserer Seite sind. Länger als jede Frau. (lacht) Ansonsten habe ich es den sechs Saiten zu verdanken, dass ich ein immer selbstbewussterer Mensch geworden. Als Kind war ich ein schüchternes Nichts. Als Gitarrist war ich plötzlich ein cooler Typ. Keine Frage, dass ich meine Klampfe überall dabei hatte - in der Schule, auf der Straße, sogar im Bett. Weil sie mir Kraft und Energie geschenkt hat.
Dürfen wir mit einem zweiten SatchVai-Album rechnen?
Ich möchte niemals nie sagen. Was ich auf alle Fälle weiß: Für die Fortsetzung wird es keine 53 Jahre Wartezeit brauchen…
MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
FOTO: jazz & rock.com