Pop_News_04.09.26
IL CIVETTO - TIEFGRÜNDIGE LEICHTIGKEIT
Wie schwer manchmal das Leichte fällt. Und umgekehrt. Das Berliner Quintett Il Civetto ist ein Prototyp für diese paradoxe These. Denn die Melodien des Fünfers klingen zunächst mal beschwingt und euphorisch. Doch spätestens sobald sich die deutschen Texte dazu gesellen, geht von der vermeintlichen Fluffigkeit so einiges verloren, hält die Tiefgründigkeit Einzug. Klar spielt auch die Liebe eine Rolle. Doch zeugt die nicht unbedingt von Ewigkeit und strahlendem Emotions-Sonnenschein. Sondern kann auch mal im Tal der Desillusionierung stranden, in Zweifel oder Stillstand verharren. Wobei sich letztendlich gerne wieder die Hoffnung und die Kraft der Veränderung durchsetzen.
Dann gibt es noch die politischen Il Civetto. „Das Anprangernde steckte stets in unserer DNA“, beteuert Sänger Leon Keiditsch. „Wir haben all die Jahre unserer Existenz auf jeder Menge Demos gespielt, gegen die Klimakatastrophe, Ausländerfeindlichkeit, neu aufflammenden Rechtsradikalismus. Doch wir leben mehr und mehr in einer Zeit der Angst. Eine Krise jagt die nächste, ein Krieg reiht sich an den anderen. Alles wird bedrohlicher, es ist immer weniger Hoffnung in Sicht. Deshalb haben wir beschlossen, unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, den Optimismus zu verteidigen. Es ist höchste Zeit dafür.“
Besonders auffällig wird diese Einsicht auf den zwölf Stücken des neuen, fünften Albums „Träume aus Lava“. Darin geht es vor allem um die Ereknntnis, wieder eigenen Visionen zu folgen. „In erster Linie ist diese Platte eine Rückbesinnung auf unsere Anfangstage im Jahr 2010, dass wir uns von äußeren Druck nicht weiter manipulieren lassen wollen“, meint der Mitt-Dreißiger entschlossen. „Dieses Mal haben wir alles selbst organisiert. Etwa das Haus in Marokko, in dem wir drei Wochen miteinander verbracht und der Kreativität freien Lauf gelassen haben. Hier setzten wir Träume um, heiß und leidenschaftlich, die sich wie ein Lavastrom ihren Weg bahnten. Daher auch der Albumtitel.“
Mit der Karriere der Sympathieträger aus der Landeshauptstadt ging es gemächlich und zielstrebig stetig weiter nach oben. „Unsere ersten Gigs spielten wir in belebten U-Bahnstationen, danach welche in hippen Techno-Clubs, in denen wir als Fusion Pop-Combo eigentlich gar nichts verloren hatten. Schließlich tauschten wir kleine Hallen gegen die großen Bühnen aus, sogar beim renommierten „Montreux Jazz Festival“ haben wir gespielt.“
Das Licht der Charts wurde auch immer heller. „Liebe aus Eis“, in den Handel gebracht 2024, rückte bis in die Top 20 vor. Bei der unterstützenden Tournee waren nahezu alle Spielorte ausverkauft. Musikalisch ist das Quintett mit eingängigen Melodien gespickt, es erinnert an den schlauen Pop von Revolverheld, oder an den lässigen Reggae eines Gentleman. „Auch der Sound von Roger Cicero hat uns stets gefallen“, sagt Keiditsch. „Doch wir wollten uns definitiv nie in eine Genre-Ecke quetschen lassen.“
Die fünf Gruppenmitglieder sind mittlerweile enge Freunde, aber „dieser Zustand musste erarbeitet werden“, reflektiert der Frontmann. „Die Sessions als Straßenmusiker waren eher Spaßbringer. Doch irgendwann haben wir das Musiker-Dasein ernst genommen. Heutzutage treffen wir uns nahezu täglich, ansonsten telefonieren wir regelmäßig miteinander. Nur durch so eine Verbundenheit kommt die Kreativität-Maschine nie ins Stocken.“
Aktuell freuen sich Il Civetto schon diebisch auf die anstehende Tournee im Herbst. „Unterwegs zu sein, neue Klänge und Menschen kennenzulernen, das beeinflusst unser kreatives Dasein stark“, schwärmt Keiditsch. „Wir lieben es, in die Ferne auszuziehen, aufregende Abenteuer zu erleben. Wir genießen das permanente Schauen über den Tellerrand.“
22 Konzerte alleine in Deutschland wird es dieses Jahr noch geben. „Auf der Bühne stehen wir Fünf plus einige Überraschungsgäste, die ich nicht verraten werden“, schwelgt Leon. „Es wird eine brandneue Bühnen-Choreographie geben. Die haben wir uns und dem Publikum einfach mal gegönnt. Denn: Es muss ja immer irgendwie weitergehen mit unserem Zug der tiefgründigen Leichtigkeit. Volle Kraft voraus!“
MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
Foto: facebook
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