Pop_News_24.07.26
RPWL - IN DER UREIGENEN WELT
„World Through My Eyes“ war das vierte Album der Freisingen Art-Rocker RPWL. Ein Werk, das inzwischen sein 20jähriges Erscheinungsdatum auf dem Rücken hat und bei den Bajuwaren zurecht als ein kreativer Befreiungsschlag von den Vorgängerplatten angesehen wird. Übrigens nicht nur unter musikalischem Aspekt, weil die Süddeutschen bis dato nicht so experimentierfreudig waren wie hier, wenn verschiedene ethnische Stile wie Prog, Raga, Pop und Folk aufeinander treffen. Sondern ganz besonders unter technologischem Aspekt. Auf der im vergangenen Jahr erschienenen Neuauflage wurde der Surround-Klang auf die modernste Ebene gehievt, nämlich Dolby Atmos, das für eine geschliffene, glasklare Sound-Landschaft sorgt. Ein akustisches Abenteuer, auf das man sich immer wieder gerne einlässt.
Gitarrist Kalle Wallner, neben Sänger und Keyboarder Yogi Langner einziges verbliebenes Gründungsmitglied der Band, die auf der Bühne inzwischen zum Septett angewachsen ist, kann stolz auf das Live-Dokument „World Through My Eyes - Live“ mit Mitschnitten der Tournee von 2025 sein. Bei so vielen kreativen Mitstreitern wundert es nicht, dass bei den Shows die Kompositionen mittlerweile alle Facetten des eh schon turbulenten Geschehens eindringlich repräsentieren.
„Eigentlich hatten wir dieses Projekt überhaupt nicht geplant“, sinniert Wallner nach wie vor. „Denn wir sind nicht allzu gut darin, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Doch die Energie war bei sämtlichen Gigs derart atemberaubend und einzigartig, dass wir uns, vor allem von etlichen Fans, überzeugen ließen, das Ganze auf Vinyl oder CD zu bannen. Im Nachhinein sehr erstaunlich, das Ergebnis. Weil es überraschend ist, mit einem zwanzig Jahre alten Stück Musik derart viele Menschen in die Hallen zu locken.“
Auch mit zwei Dekaden Distanz ist Kalle nach wie vor vollkommen zufrieden mit der Scheibe: „Wir sind damit Ballast losgeworden. Beim Schreiben setzten wir uns vor ein leeres Blatt Papier“, erinnert er sich, „und statt über persönlichen Kram wie zuvor beschäftigten wir uns mit Philosophie und diversen Lebenseinstellungen. So entstand eine universelle Angelegenheit.“
Der 53jährige Wallner schwärmt von einem „sehr aufmerksamen Publikum: Keine Biertrinker und Dampfplauderer, die sich nicht aufs Geschehen konzentrieren. Stattdessen kann man bei ruhigen Stücken die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, während bei den lauteren Songs eine grenzenlose Euphorie in den Luft liegt. Diese Umstände stimmten mich glücklich, jeden Abend aufs Neue!“
Dass die Lieder von „World Through My Eyes“ bis heute funktionieren, „liegt daran“, ist Kalle überzeugt, „dass sie Singer/Songwriter Qualitäten der besonderen Klasse besitzen. Daran ändert sich auch live im Jahr 2026 nichts. Nur dass man sich bei Konzerten noch mehr auf das gesamte Geschehen konzentrieren muss, wenn man die kreative Palette in ihrer Gänze verstehen will. Hinzu kommen noch die beiden außergewöhnlichen Background-Sängerinnen Caroline von Brünken und Carmen Tannich, deren Aura für Pink Floyd-Atmosphäre sorgt.“
Zur Routine wird das Ganze jedenfalls an keinem einzigen Abend, betont Wallner mit Nachdruck, „denn jeder Club, jede Bühne, jedes Publikum ist anders. Solche wechselnden Umstände haben selbstredend Einfluss auf das Live-Spektakel. Zwar haben wir das Album jeden Abend komplett gespielt. Doch an der Dramaturgie hat sich immer wider ein bisschen was geändert. So etwas macht unseren Job äußerst anregend.“
Der Meister-Gitarrist ist rückblickend stolz auf die mittlerweile 30jährige Band-Historie. „Über etwaige Fehler grüble ich nicht, das hängt auch mit meinem Sternzeichen „Löwe“ zusammen, wir schauen lieber selbstbewusst nach vorne als verzweifelt nach hinten. Da freut es mich doch mehr, dass unsere Shows meist ausverkauft und unsere Alben Stammgäste der Charts sind. Die Fan-Gemeinde wird beständig größer, der Zuspruch für unsere recht artifizielle Musik ebenfalls. Mehr verlange ich nicht vom Leben. Höchstens noch, dass auch unser nächstes Werk, übrigens wieder eine Konzept-Angelegenheit, jede Menge Anhänger findet.“
MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
FOTO: Nicole Schaade