Jazz_News_26.06.26
PHIL ROSPLESCH - DER DURCHREISENDE IN SACHEN LEBEN

PHIL ROSPLESCH - DER DURCHREISENDE IN SACHEN LEBEN

Phil Rosplesch - oder Philipp Rospleszcz, wie er laut Reisepass heißt - nennt eine Heerschar unterschiedlicher Talente sein eigen. Und all diese Eigenschaften bündeln sich unter diesem gewaltigen Schirm namens „Musik“. So ist er Gitarrist. Komponist. Sounddesigner. Und einiges mehr, zwischen all diesen großen Schubladen. Auch die Wege zu seinem Status als „lebendes Gesamtkunstwerk“ sind erstaunlich. Phil hatte klassischen Gitarrenunterricht bei Professor Albert Aigner, der Jazz-Sechssaiter wurde ihm bei Geoff Goodman nahegebracht, die Kunst auf der elektrischen Version wiederum von Peter Fischer. Die Lebensphilosophie von Rosplesch lautet: „Ich entdecke mich ständig selbst neu!“
Wegen dieses Anspruchs verwundert es nicht, dass die bislang veröffentlichten Tonträger eine akustisch sehr unterschiedliche Ausrichtung verfolgen. Auch weil der bald 50jährige Süddeutsche, der seit etlichen Jahren in Berlin sein zu Hause weiß, eine leidenschaftlicher Kosmopolit ist. „Ich sehe mich als eine Art Durchreisenden in Sachen Leben“, lacht er vergnügt.
Los geht es 2022 mit dem Debüt „Del Sur a las estrellas“, was so viel wie „Vom Süden zu den Sternen“ bedeutet. Die Melodien sind von Aufenthalten in Korsika, Cadiz und Barcelona geprägt. Mal klingt es nach dem feurigen Zigeuner-Sound der Gipsy Kings, mal nach dem zärtlichen Flamenco eines Paco de Lucia. Rosplesch ist überzeugt: „In diesen Stücken spiegeln sich meine ständige Sehnsucht nach dem Meer und den Sternen gleichermaßen wider. Außerdem spielen Emotionen eine nicht unerhebliche Rolle - Begegnungen mit Menschen einerseits, Exkursionen in die Natur auf der anderen Seite.“
Eine ganz andere Herangehensweise herrscht beim Nachfolger „Sound Of Metropolis“ aus dem selben Jahr vor. „Als ich diese Platte aufnahm, bin ich extrem viel gereist“, erinnert sich Phil. „Die Musik ist inspiriert von herausragenden Künstlern, die in einigen der von mir besuchten Städte gelebt haben. Der „Paris City Walk“ ist eine Hommage an den großen Flötisten Herbie Mann. „Dark City“ wiederum schlägt den Puls von New York City zu jener Zeit, als Miles Davis dort den „Cool Jazz“ erfand. Der Song „Istanbul“ geht in eine ähnliche akustische Richtung, allerdings mit mehr orientalischem Flair.
Das Hauptthema von „Serenity In San Francisco“ erinnert an den etwas lässigeren Westtoast-Jazz eines Wes Montgomery. Der Klang von „Back To Toronto“ gemahnt an John Scofield, teilweise aber auch an Jimi Hendrix. „Pursuit in London“ und „Berlin Power“ schließlich sind Beispiele für atmosphärische Filmmusik. Als ich irgendwann zurück war in meiner Berliner Bude, habe ich die Eindrücke auf meinen Reisen reflektiert. Und in Noten umgesetzt.“
Bei der nächsten Produktion schlugen die Ausflüge zu den Kanaren in den Jahren 2023 - 2025 voll durch. Auf der EP „Las Islas del sur Canarias“ verleiht der Weltenbummler laut eigener Aussage „den Inseln El Hierro, La Palma, El Teide Tenerife und Gomera neue, sehr persönliche Gesichter. An diesen Eiländern faszinieren mich das Felsig-Raue der Natur sowie das oftmals Wilde des Meeres“, schwärmt Rosplesch.
2026 ist schließlich die EP „Le Voyage“ erschienen. Dieses Mal hat sich Phil seinen Eindrücken vom Süden Frankreichs gestellt, Montpellier und die Camargue waren Inspirationsquellen, zusätzlich die Klänge von Gypsy-König Django Reinhardt. Dieses Mal ist ein Bolero vertreten, ein Bossa Nova oder zwei Swings. „Damit sind die so genannten „Programm-Alben“ fürs erste erledigt“, weiß Phil zu berichten. „Seit einiger Zeit wende ich mich der Elektronik zu.“
AtonRising nennt sich das neue Projekt, gleichfalls die Debüt-Single. Für die Komposition und Produktion ist Phil selbst zuständig. Mit an Bord geholt hat er Sängerin/Texterin Susanne Kirchland, den Lichtkünstler und Foto-Designer Uli Haller, sowie den „Master“ Jürgen Prinz. „AtonRising ist ein immersives, synthetisches Kunstprojekt, das die Grenzen zwischen visueller Wahrnehmung und auditiver Erfahrung verschmilzt“, erklärt Rosplesch das Geschehen. „Dieses interdisziplinäre Kollektiv bündelt die Expertisen der einzelnen Mitstreiter.“
Phil fügt hinzu: „Seit zwei Jahren bin ich an elektronischen Sounds interessiert. Zuvor war ich ewig in keinem Club mehr. Dadurch hatte ich zu irgendwelchen Dance-Beats kaum noch Zugang. Doch meine Freunde haben mich mehrere Nächte lang in Discos geschleift. Dadurch wurde ich angeregt zum Studium des Sound-Designs in Berlin. Ich bin ein absoluter Quereinsteiger! Nach diesen zwei Jahren hatte ich meinen staatlich geprüften Abschluss an der „WAVE Akademie“ in Berlin absolviert.
Durch den eingeschlafenen und wiederbelebten Kontakt mit Uli Haller machte ich mich ans Komponieren radikal neuer Klänge. Daraus wurde mein aktuelles Projekt. Ich denke, das wird mich die nächsten ein, zwei Jahre in Anspruch nehmen. Weil es überaus spannend ist.
Doch danach geht mein Trip weiter, hin zu etwas ganz neuem. Genauso wie mein Trip weg aus Berlin. Das ist zwar ein aufregender Ort. Aber keiner, an dem ich alt werden möchte. Wie erwähnt: Ich bin ein ewig Durchreisender…“

MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
Foto: ULI HALLER
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