Pop_News_19.06.26
Arthur Brown - Immer noch „Fire“ unterm Dach
Es ist nicht ganz einfach, mit dem „Godfather Of Hell“, Arthur Brown, anno 2026 ein Telefonat zu führen. Obwohl auf der Bühne seit rund einem halben Jahrhundert wild gewordener Schreihals, lispelt der Brite zu Hause im Wohnzimmer seiner englischen Heimat schon mal beinahe unhörbar, er gönnt sich seeehr lange Pausen zwischen den Sätzen und immer wieder schaltet sich seine Kreativ-Managerin seit 2019, Claire Waller, in die Unterhaltung ein, wenn es so gar nicht recht weitergehen mag.
Waller ist Browns künstlerische Partnerin, eine alterslose Seelenverwandte, zuständig für die gesamte visuelle Identität des Projekts The Crazy World Of Arthur Brown, das weiterhin Konzerte gibt, obwohl ihr Namensgeber und Hauptprotagonist am 24. Juni seinen 84. Geburtstag feierte. Sie erinnert sich an mehr Ereignisse aus der Vergangenheit als der Maestro selbst.
Wobei tatsächlich bei der Konversation wenig das Verflossene eine Rolle spielt, sie dreht sich mehr um die Gegenwart. Denn der Mann aus der Grafschaft Yorkshire, wo er bis heute sein Domizil hat, geht mit neuem Album unter eigenem Namen an den Start. Mit NATURE, so der Titel, legt Arthur Brown ein außergewöhnliches Spätwerk vor: Ein Album, das seine ureigenen künstlerischen Wurzeln aufgreift und zugleich neue, überraschende musikalische Wege beschreitet. Inhaltlich wie musikalisch wirkt NATURE wie die Quintessenz seines umfangreichen Schaffens – persönlich, visionär und voller kreativer Energie. Eine Platte, auf der Arthur alles bündelt, was seine endlos wirkende Karriere ausgezeichnet hat.
Erstaunlich kraftvoll und streckenweise wüst kommt weiterhin das Ausnahme-Sangesorgan des Stimmakrobaten daher. „Ich hatte zusammen mit meinem Bruder Gesangsunterricht an der Schule“, erinnert sich Brown. „Wir intonierten viel bei klassischen Schulkonzerten und in Kirchen. So mit 12, 13 Jahren habe ich James Brown für mich entdeckt, er war fortan mein Idol. Seither brüllte ich gerne ekstatisch, während ich sang. Und irgendwann stieß ich auf mongolischen Kehlkopfgesang, der mich auf Anhieb faszinierte. Aus all diesen Einflüssen bastelte ich meine eigene Form, mich stimmlich auszudrücken. Zusätzlich besitze ich beinahe fünf Oktaven Umfang.“
Der Titel des neuen Albums hat für Arthur viel mit zunehmendem Alter und damit verbunden spiritueller Entwicklung zu tun. „Heutzutage befinde ich mich die meiste Zeit meines Daseins in der freien Natur, gerne im Wald oder an einem See“, murmelt das kauzige Original. „Mit dem Stadtleben habe ich weitgehend abgeschlossen. Fleisch esse ich seit längerem nicht mehr - denn warum sollte ich meine Freunde verspeisen? Außerdem bin ich Opa. Ich erzähle meinen Enkelkindern am liebsten von Geistern und Fabelgestalten. Die findet man in der Regel nicht in Metropolen. Sie machen ihren Schabernack in der Natur. Wie auch ich. Obwohl ich nicht mehr der Jüngste bin, gibt es weiterhin viel Spaß in meiner Existenz.“
MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
Foto: HARVEY WALLER