Pop_News_12.06.26
MONDSÜCHTIG

MONDSÜCHTIG

CAMEL

Als „The Snow Goose” 1975 in den Handel kam, Camel’s drittes Studioalbum, hatte niemand damit gerechnet, dass ein solch experimentierfreudiges Werk - noch dazu rein instrumental - die Charts weltweit knacken und zum kommerziellen Durchbruch des britischen Prog-Quartetts führen würde. Insofern hatte die Formation um die Bandleader Andy Latimer und Pete Bardens es mit dem Nachfolger „Moonmadness” alles andere als leicht.
Camel-Mastermind Andy Latimer, das einzig verbliebene Gründungsmitglied von Camel, schwärmt im Interview, wenn er von der Entstehungsgeschichte des 1976 erschienenen Prog-Meisterwerks „Moonmadness” erzählt, anlässlich dessen 50-jährigen Jubiläums: „Diese Scheibe ist ein Meilenstein in der langen Camel-Historie”, freut sich der 76-jährige bis heute, „darauf sind einige der schönsten Camel-Stücke zu hören, die wir je geschaffen haben.” Aber Latimer redet noch um einiges mehr, wenn er über „Moonmadness” und seine Entstehung erzählt.
1991 gründete Latimer sein eigenes Plattenlabel, „Camel Productions“, welches heute alle Alben von Camel vertreibt. Am 18. Mai 2007 gab das Management von Camel bekannt, dass Andy Latimer an der Blutkrankheit Polyzythämie leidet. Aufgrund der Auswirkungen dieser Krankheit und der Strapazen des Umzugs Latimers in seine englische Heimat war es Camel nach Abschluss der „Farewell Tour“ im Jahr 2003 nur schwer möglich, weitere Musik zu produzieren. Bereits die „Farewell Tour“ war unter dem Eindruck von Latimers Krankheit als Abschiedstournee geplant. Seit 2010 ist er zum Glück wieder musikalisch halbwegs aktiv. Sein erstes „musikalisches Lebenszeichen“ war die Mitwirkung auf der CD „Random Acts of Beauty“ von David Minasian. Hier spielt Andy Latimer die Gitarre auf dem ersten Stück namens „Masquerade“. Inzwischen gibt es etliche Solo-Scheiben von ihm, die man allerdings nicht im regulären Handel erwerben kann.
2025 erschien „Moonmadness“ als dreiteilige Ausgabe (2CD und Multi-Region-Blu-ray), sie enthält den von Ben Wiseman remasterten Originalalbum-Mix, 5.1-Surround- und Stereo-Mixe von Stephen W. Tayler sowie vier Bonus-Tracks, die aus den Demo-Sessions für das Album und der Single-Version von „Another Night“ stammen. Die Blu-ray umfasst zusätzlich das Konzertvideo „Camel Live at Hammersmith Odeon“ aus dem April 1976. Diese neue Edition von „Moonmadness“ enthält weiterhin ein illustriertes Booklet mit einem Essay. Die „Mondsucht-Story“ geht also weiter…

Welche Erinnerungen hast du an den Entstehungsprozess von „Moonmadness”?
Nachdem wir mit Vorgänger „The Snow Goose”, für uns überraschend, ziemlich großen kommerziellen Erfolg feiern durften, wollten wir ziemlich schnell ins Studio, um an einem Nachfolger zu arbeiten, damit wir die „Camel-Flamme” am Brennen erhalten. Zunächst war die Situation etwas vertrackt, weil wir einen gewissen Druck beim Komponieren neuer Lieder verspürten. Der wurde durch einen Druck von Seiten der Plattenfirma noch verstärkt. Die pfuschte uns zwar nicht beim Komponieren ins Zeug. Doch sie wollte die Camel-Kuh melken, solange das Thema heiß war.
Jedenfalls kläfften sich Pete und ich, als Haupt-Songlieferanten, zu Beginn der Arbeit für „Moonmadness”, ziemlich bissig an. Wir wussten nicht sofort, wohin die musikalische Reise bei dieser Platte gehen soll. Ich selbst wünschte mir ein bisschen mehr Exzentrik, das „britische Hinterwäldlertum”, wie es etwa Genesis auf „Selling England By The Pound” grandios verkörpern. Pete hingegen schielte auf den amerikanischen Markt, wünschte sich ein wenig mehr Mainstream-Elemente. Doch wir fanden rasch die entscheidenden Kompromisse. Und ab diesem Punkt wurde es zur entspanntesten Produktion, die ich mit Camel je erlebt habe.
Studiozeit habt ihr damals wenig in Anspruch genommen. Wie kommt’s?
Stimmt, das waren gerade mal ein paar Wochen, die wir im „Basing Street” eingebucht waren. Pete und ich waren dermaßen inspiriert, dass wir die Arbeit straight durchzogen. Und trotzdem blieb viel Zeit für Rumblödeln und Sound-technisches Experimentieren. Die ganzen Umstände waren extrem angenehm!
Was mir im Nachhinein leid tut: Dass Bassist Doug und Schlagzeuger Andy kaum in den originären Entstehungsprozess integriert wurden. Sie spielten mehr oder weniger das Zeug so, wie Pete und ich es ihnen vorgaben. Mel Collins war eh kein „richtiges” Bandmitglied in jener Zeit, er trug lediglich seine Saxofon- und Flöten-Parts bei.
Woher kam Inspiration für die Texte?
Pete hatte sich in jener Zeit in die Romane von Hermann Hesse festgebissen, vor allem „Siddharta” und „Das Glasperlenspiel” hatten es ihm angetan. Ich wiederum tauchte abwechselnd in Tolkiens „Der Herr der Ringe” und Bücher von John Steinbeck ein. Diese Lektüre hat garantiert Einzug in die Verse von „Moonmadness” gehalten.
Welche künstlerische Entwicklung habt ihr deiner persönlichen Ansicht nach mit „Moonmadness” im Vergleich zu „The Snow Goose” gemacht?
Mit „Moonmadness” hatten wir den „klassischen Camel-Stil” gefunden. Diese Einschätzung wird uns bis heute immer wieder von langjährigen Anhängern der Gruppe bestätigt. Das lag bestimmt auch an Produzent Rhett Davies, der sich bei „The Snow Goose” noch ziemlich zurückgenommen hatte, dieses Mal jedoch massiv darauf drängte, mehr Dynamik ins Geschehen zu bringen. Ich bin ihm bis heute sehr dankbar für sein Drängen.
Nachdem „The Snow Goose” eine reine Instrumentalangelegenheit war - wie fandet ihr zurück zum Gesang?
Das geschah in erster Linie auf Grund des Drucks unserer Plattenfirma, vor allem von deren amerikanischer Sektion. Für die war „The Snow Goose” der pure Horror gewesen, denn ein progressives Rock-Werk ohne Stimme, das ist auf dem US-Markt nahezu unverkäuflich. Obwohl die Verkaufszahlen von „The Snow Goose” in den Staaten sie letztlich eines Besseren belehrten. (lacht) Trotzdem schlossen wir mit den Amis einen Kompromiss und schrieben ein paar Texte. Ich gebe zu, es brachte rückblickend immensen Spaß, endlich wieder auf einer Platte zu singen.
„Moonmadness” erschien 1976 - also im selben Jahr, als in England die Punk-Revolution losbrach. Hatte diese Bewegung Einfluss auf euren Stellenwert in der Musik-Szene?
Ich drücke es mal ganz hart aus: Punk hat der Prog-Szene zumindest für ein paar Jahre definitiv den Todesstoß versetzt! Bands wie die Sex Pistols, The Damned oder die Stranglers zogen öffentlich derart gehässig über Gruppen wie Genesis, Yes oder Pink Floyd her, dass es kaum auszuhalten war. Wobei ich zugeben muss, dass es speziell Yes in dieser Zeit mit dem Bombast etwas übertrieben. Dennoch, so viel Häme unter Musikern halte ich für absolut unangebracht.
Wir selbst bekamen davon nicht sonderlich viel ab. Dafür waren wir schlicht zu unbekannt. Wir waren so was wie Vertreter des „Underground-Prog”. (lacht) Um kommerziell weitermachen zu können, hatten wir zum Glück eine loyale Anhängerschaft. Die war überschaubar. Doch sie kaufte genug Platten, damit wir durchhalten konnten.
Wie stehst du persönlich zu Punk?
Musikalisch fand ich das nie sonderlich aufregend. Mir war das alles zu primitiv und laienhaft. Ich bin ja gestandener Musiker. Deshalb hat es mich verwundert, dass Leute die Charts mit ihrer Arbeit anführten, welche ihr Instrument nicht beherrschten. Mit den Grundideen der Punk-Bewegung, nämlich das Establishment aufzumischen, konnte ich mich allerdings durchaus anfreunden.
In einem früheren Interview mit mir hast du erklärt, dass „Moonmadness” deine Camel-Lieblingsscheibe ist. Stehst du noch zu dieser Einschätzung?
Ich liebe diese Platte nach wie vor sehr, weil ich mich gerne an die so anregenden wie gleichzeitig relaxten Umstände erinnere, unter denen sie entstanden ist. Das war schon beim Nachfolger „Rain Dances” leider gar nicht mehr der Fall. Wobei ich musikalisch inzwischen „Dust And Dreams” und „Harbour Of Tears” den Vorzug in meiner persönlichen Camel-Rangliste gebe. Diese Produktionen sind noch fokussierter, auch abwechslungsreicher geworden. Aber natürlich wird „Moonmadness” immer eine ganz besondere Angelegenheit für mich sein.
50 Jahre nach der Veröffentlichung von „Moonmadness” - wie relevant ist die Musik darauf noch in der heutigen Zeit?
Ich maße mir nicht an, uns dafür mit dem „Klassiker-Status” abzustempeln. Aber was ich speziell bei den Konzerten der letzten Jahre, ob in Asien, den USA oder Europa, immer wieder festgestellt habe: Sobald wir „Moonmadness”-Stücke wie „Lunar Sea” oder „Song Within A Song” anstimmen, brandet gewaltiger Beifall auf. Viele Menschen, egal ob jung oder alt, lieben diese Songs nach wie vor sehr. Vermutlich vor allem deshalb, weil sie diesen „wilden 70-er Touch” besitzen. Sie haben dieses Versponnene, Märchenhafte, Romantische, das man immer seltener in der Musik findet. Die Lieder von „Moonmadness” beamen dich in eine Zeit zurück, als Träumen beim Hören von Rock-Musik nicht nur erlaubt, sondern vor allem erwünscht war.
Der Sound auf „Moonmadness” ist bereits in viele Stil-Schubladen gesteckt worden: Progressive Rock, Art Rock, Soft Rock. Wie würdest du ihn selbst kategorisieren?
Gar nicht, weil Stil-Kategorien der Tod jeder Kunst sind! Die Leute mögen die Musik definieren, wie sie wollen - für mich beinhaltet „Moonmadness” einfach nur atmosphärische, traumverhangene Klang-Collagen. Außerdem war es für mich immer äußerst „britische Musik”, in all ihrer Exzentrik. Das war für mich all die Jahrzehnte über ein entscheidender Aspekt.
Du hast mir mal gesagt, dass Camel-Musik bevorzugt zur Flucht aus der schnöden Realität einladen soll. Wie hast du das konkret gemeint?
Ich bin der ewige Eskapist! Das soll nicht bedeuten, dass ich sofort und jeder Zeit zum Sterben bereit bin. Aber es bedeutet, dass ich gerne in meinem Alltag gewissen Abstand zu scheußlichen Sachen wie Krieg, Gier oder Armut halten möchte, alleine schon aus Selbstschutz. Ich bin glücklich in dem Zustand, wenn ich mir mit Kunst eine Nische schaffe, in der ich mich behaglich und frei fühlen darf.

Michael Fuchs-Gamböck
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