Jazz_News_25.04.26
NILS WÜLKER - DA WAREN’S NUR NOCH DREI
- „WERK7-Theater“, München, 20.4.2026 -
Es kommt eigentlich nie vor, dass Nils Wülker Konzerte mit einer Ansprache startet. Normaler Weise gibt es zwei, drei Stücke zum Aufwärmen, ehe das Mikrofon zum Einsatz kommt für kurze, freundliche Begrüßungsrituale. Doch was ist schon normal an diesem Abend im Münchner „Werk7-Theater“?
„Angekündigt war ein Auftritt mit dem Nils Wülker Quartett, doch tatsächlich sehen Sie nur drei Menschen mit ihren Instrumenten vor sich“, zuckt der gebürtiger Bonner und langjährige Wahl-Münchner etwas hilflos mit den Schultern. „Das liegt daran, dass unser Pianist Omer Klein vor knapp einer Stunde einen Stromschlag abbekommen hat, so dass er mit dem Notarzt ins nächstgelegene Krankenhaus transportiert werden musste. Dadurch müssen sie mit uns übrigen Drei vorlieb nehmen.“
Das ändert so einiges am Programm und an der musikalischen Ausrichtung der Show. Trompeter Wülker ist fortan alleine für den melodischen Teil zuständig, Kontrabassistin Linda May Han Oh und Schlagzeuger Greg Hutchinson nehmen sich dem Groove an. Doch da dieses Trio rundum aus Vollblut-Musikern besteht, gibt es eine perfekte Show zu bestaunen. Noch mehr als sonst ist Improvisation Trumpf.
Gleich die ersten beiden Stücke stammen aus dem Anfang des Jahres erschienenen Album „Zuversicht“. Danach erstellt der Dreier ein Potpourri aus mehreren der 14 vorangegangenen Produktionen, etwa mit dem Traumfänger „Beyond The Bavarian Sky“ oder dem lyrischen Schlaflied für Wülkers kleine Tochter, „Nika’s Dream“.
Doch wegen des fehlenden Klaviermeisters stehen Beat und teils wildes Chaos mit Kontur im Vordergrund, was dem Auftritt ganz neue Nuancen verpasst. Wie auch immer, die knapp 700 Besucher im beinahe ausverkauften, bestuhlten Saal sind rettungslos begeistert. Vor allem von der zierlichen Kontrabassistin aus Malaysia, deren Instrument sie um einen ganzen Kopf überragt. Was sie energetisch aus den Saiten des Monsters mit sanften Händen rausholt, ist unbeschreiblich und erntet immer wieder frenetischen Zwischenapplaus. Aber auch Hutchinson und Wülker genehmigen sich grandiose Soloausflüge, welche die Zuschauer und -hörer in völlig neue Welten entführen, aus denen es schwerlich zu entkommen geht.
Als Zugabe bekommt der unfreiwillige Spital-Besucher Klein einen akustischen Gute Nacht-Gruß übermittelt: „It’s Okay/It’s Alright“ von „Zuversicht“, auch dort der Rausschmeißer. Danach artige Verbeugung, Standing Ovations, Abgang. Die Magie hält sogar im Foyer, wo man sich sammelt, um im Anschluss beschwingt den Heimweg anzutreten.
MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
Foto: HELMUT MATTES
Nils Wülker Arm in Arm mit TONART-Chefredakteur Michael Fuchs-Gamböck, nach dem Konzert in München.