Pop_News_27.03.26
HASA - Lost im „Schwäbisch Space“
- 19.3.2026, Tübingen, „Sudhaus Peripherie“ -
Kurz bevor Tübingen endet, steht ein Gelände, das Mitte des 19. Jahrhunderts als Brauerei gebaut wurde, anno 1927 zur Möbelfirma mutierte, ehe es seit 1988 unter dem Namen „Sudhaus“ von einer Horde sympathisch-wilder Zeitgenossen als Kultur- und Gewerbezentrum genutzt wird. Eigentümer der rund 3.000 Quadratmeter Nutzfläche ist die Stadt, Mieter allerdings der „Verein Sudhaus“. Hier können Musiker, Theaterleute oder Maler wie überhaupt alle Arten von Kreativen Räume pachten und ihrem artifiziellen „Flow“ freien Lauf lassen. Hauptaufgabe des Vereins ist die Förderung von lokalen Künstlern und Initiativen.
Die perfekte Atmosphäre jedenfalls für das Wurmlinger Band-Projekt HASA, die vor allem Texte im vermeintlich gemütlichen Schwäbisch rezitieren, ansonsten aber musikalisch in einem ganz eigenen „Space“ wildern und zu Hause sind. An einem frühlingshaften März-Tag haben sich HASA die „Sudhaus Peripherie“ vorgeknöpft, um dort ihr zweites Album namens „Streik“ der geneigten Welt zu präsentieren. Und potzblitz, man reibt sich verwundert die Augen, der Raum ist mit rund 160 Besuchern ausverkauft, was der Formation um Mastermind Heiner Reiff ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen zaubert.
Der Abend ist jedenfalls weit mehr als ein stinknormales Konzert, stattdessen eine echte Show mit bestechenden Entertainer-Qualitäten. Reiff trägt nicht nur eine schneidige E-Gitarre oder wahlweise eine Bariton-Ukulele vor sich her, sondern an den Füßen auch verwegene weiße Stiefel mit Wolkenkratzer-Absätzen, ganz wie Bowie oder Bolan in der legendären Glam Rock-Ära. Die Sängerinnen Ellen Reinhardt, die zusätzlich Bassgitarre oder Theremin spielt, und Caro Saia, die sich extra Space Toys plus einer Elektroharfe annimmt, tragen kesse rote Mini-Kleider, die sie extra in Paris erstanden haben und ihnen das Image von sinnlichen, gleichzeitig selbstbewussten Go Go-Girls verleihen. Zusätzlich befinden sich noch die Profi-Musiker Ralf Schuon an den Keyboards und der Lap Steel-Gitarre, ebenfalls Schlagwerker Daniel Jacobi auf der Bühne. Nicht zu vergessen Siegmar „Siggi“ Siegel, der in seinem Matrosenanzug wie ein wohlgenährter Popeye aussieht und als „Verklickerer“ die Textinhalte in breitem John Wayne-Amerikanisch mit einem riesigen Augenzwinkern erklärt.
Los geht der Auftritt um Punkt 19.30 Uhr mit entspanntem Space-Pop, der an lässige Hawkwind erinnert, bei dem sich aber auch Großmeister Frank Zappa blicken lässt. Danach gibt’s den rockigen „Couch Potatoe“, gleich im Anschluss einen sphärischen Reggae. Und dann werden mit drei antik wirkenden Megafonen die neun Titel von „Streik“ am Stück angekündigt. Im Gegensatz zum Debüt „1st ALLbum“ geht es hier etwa weniger chaotisch, ab und an gar feinfühlig zu, ohne dass ein experimentell-anarchisches Moment freilich völlig verloren gegangen wäre.
Auch bei „Streik“ wird Abwechslungsreichtum groß geschrieben. Grateful Dead meets Amon Düül II meets Steely Dan meets Pink Floyd meets Mothers Of Invention meets schon mal die Schwaben Rock-Pioniere von Schwoißfuaß. Reiff malträtiert auch mal die sechs Saiten seines Instruments grimmig, etwa bei „Nomml a Dag“. Doch dazu gibt es den akustischen Gegenpol, das lyrisch-verträumte „Soifablos“, eine verspielte Hommage an Seifenblasen, die kurz herrlich-bunt Farbe ins Geschehen bringen, ehe sie im nächsten Moment für ewig verschwinden. Welch wundervoller Zugang zum für viele Menschen heiklen Thema „Unendlichkeit“!
Wobei festgestellt werden muss, dass die Textinhalte wichtig sind. Doch das gerne zärtliche, auch mal ruppige Schwäbisch eher wie ein ergänzendes Instrument wirkt. Auf allen Songs vom neuen Werk durch die Bank zu beweisen.
Begleitet wird der „Schwaben-Space Pop“ optisch auf der Leinwand durch die an Comics erinnernden Illustrationen von Dieter Hermenau sowie dem Animateur Thomas Baer, plus Live-Videos von Regisseur Sven Goldenbaum. Auch durch diese Ergänzungen entsteht auf der Bühne ein ganz eigene Atmosphäre.
Nach „Schätz mal des war’s“, der passende Titel für das letzte Stück von „Streik“, gibt es mit den Füßen erzeugten donnernden Applaus, der dafür sorgt, dass HASA sich noch nicht verabschieden vom Publikum. Heftiger Funk á la George Clinton in den 70ern wird angestimmt, „Schaffhausen“ wird zweideutig geehrt („schaffe in Schaffhausen“), schließlich gibt es sogar noch Progressive Rock-Anleihen, Peter Gabriel und Genesis klopfen sachte an.
Nach 90 Minuten leidlich durchgeknallter Magie findet der Zauberbann ein Ende, natürlich gibt es noch die obligatorische Zugabe, tiefe Verbeugungen vor den Besuchern. Und Schluss. Ganz klar in diesem Fall: Man trifft sich immer im Leben zwei Mal. Mit diesen kuriosen Gestalten tut man das richtig gerne.
MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
Foto: HEINER REIFF