Pop_News_20.03.26
RINGSGWANDL - PUNK IM PRUNKSAAL VON LANDSHUT

RINGSGWANDL - PUNK IM PRUNKSAAL VON LANDSHUT

Landshut, 6.3.2026, „Rathausprunksaal“

Es ist eine äußerst exklusive Location, an die Georg Ringsgwandl und seine drei musikalischen Mittreiter die knapp 500 Gäste des ausverkauften Events in Landshut an einem Freitagabend entführen: Der Prunksaal des Rathauses der niederbayerischen Stadt Landshut. Aktueller Anlass für die Show ist die Veröffentlichung des 13. Studioalbums mit dem lautmalerischen Titel SCHAWUMM!, erschienen im November 2025.
Punk im Prunksaal sozusagen. Denn das bayerische Urgestein mag mit seinen 77 Jahren nicht mehr verwegen wie ein Vertreter der „No Future-Generation“ aussehen, er trägt stattdessen merkwürdigen Trachtenhut (manchmal zwei davon auf einmal) und einen ausgeleierten Anzug, der seine spindeldürre Figur noch markanter zum Ausdruck bringt. Doch tief im Inneren sieht sich der ehemalige Kardiologe aus Bad Reichenhall als „soziologischen Komposthaufen“.
Zu Beginn seiner Karriere wirbelte und stakste der Freak wie ein angestochener Derwisch über die Bretter, welche die Welt bedeuten sollen. Heute torkelt er ganz bewusst auf die Bühne, umrahmt von seiner grandios geölten und aufspielenden kleinen Band, bestehend aus Daniel Stelter an Gitarre und Mandoline, Tommy Baldu hinter dem Schlagzeug, Christian Diener an Bass und Moog Synthesizer.
Der erste Teil des Auftritts startet mit einer lässig-längeren Einführungsrede vom „Schorsch“ an die Menschen im Saal, im Anschluss klemmt er sich hinter die Zither, dezent akustisch begleitet vom Trio. Man merkt an der Etüde, dass sich bayerische Volksmusik und der Blues näher sind als man denkt. Im Anschluss eine Rock’N’ Roll-Nummer von Chuck Berry, gleichfalls im tiefen Bajuwaren-Slang.
Dann wird es beinahe besinnlich, weil SCHAWUMM! eine Singer/Songwriter-Angelegenheit in der Tradition eines Randy Newman oder Jackson Browne geworden ist. Die eine oder andere bitterböse Spitze fehlt freilich nicht. Und eine Menge kleine Anekdoten und Gedankenspielereien, bei denen schon mal der rote Faden verloren geht, sind gleichfalls keine Mangelware. Wobei nicht selten „Gevatter Hein“ das Geschehen aufmischt. Man merkt, dass Ringsgwandl der Tod der vieljährigen Ehefrau 2022 noch immer nahe geht.
Pünktlich um 21 Uhr nach genau einer Stunde Spielzeit wird eine Pause eingelegt. Der zweite Part beginnt mit einem Shuffle namens „Dahoam is net dahoam“, bei dem der „bewusste Chaot“ (Selbsteinschätzung) wütend mit dem modernen Bayern ins Gericht geht. Nun folgen Slapstick-artige Kracher wie „Lebn ois wiera Kuah“, „Der ganz normale Rock ’N’ Roll“ oder „Hühnerarsch, sei wachsam“. Skurrile Alltagsszenen bestimmen diesen kunterbunten Mikrokosmos, vordergründig gemütlich, letztlich äußerst bösartig.
Die erste der beiden Zugaben bestreitet das Unikat am Piano, es ist das sehnsüchtige „Lied für dich“. Und der Schlusspunkt wird wieder mit der Zither vollbracht: „Er scheißt se an Dreeck“. Danach minutenlange Standing Ovations, artiger Kniefall, Schluss. Der Vorhang fällt.

MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
Foto: HELMUT MATTES


WEITERE TOURDATEN:
22.4. Karlsruhe, Tollhaus; 23.4. Mainz, Frankfurter Hof; 24.4. Köln, Gloriatheater; 6.11. Dorfen, Jakobmayer.
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