Pop_News_30.01.26
GIPSY KINGS – UND IMMER  WIEDER GEHT DIE SONNE AUF

GIPSY KINGS – UND IMMER WIEDER GEHT DIE SONNE AUF

Im Sommer 1989 gab es praktisch keine Bar in Europa, in denen uns nicht Lieder wie „Bamboleo”, „Djobi, Djoba” oder „Volare (nel blu di pinto di blu)” entgegen geschallt wären, in warmen Nächten gerne auch auf offener Straße. Urheber dieser inzwischen klassischen „Sommer-Hits” war eine Formation, von der man zu diesem Zeitpunkt kaum gehört hatte, obwohl sie bereits zehn Jahre auf dem Buckel hatte. Der Name: Gipsy Kings.
Tatsächlich verbergen sich hinter dieser Gruppe waschechte „Gipsies”, also Zigeuner vom Stamm der Kalé-Roma. Ende der 1970er hatten sich fünf Söhne des berühmten Flamenco-Musikers José Reyes sowie einer seiner Schwiegersöhne zu José Reyes et Los Reyes zusammen getan, man tingelte zwischen Hochzeiten, Festivals und Straßenfesten. Doch die Reyes-Brüder wollten mehr, vor allem - sie wollten eine Schallplatte aufnehmen. Der Schwiegersohn Chico Bouchikhi wollte das nicht, also tat man sich statt seiner mit drei Brüdern eines anderen Clans - den Baliardos - zusammen, nannte sich in Gipsy Kings um und begeisterte rasch ein Independent-Label in ihrer französischen Heimat, das zwischen 1982 und 1988 drei Studioalben und einen Live-Mitschnitt des Clans veröffentlichte.
Die Firma war mit den Verkäufen zufrieden, die Gruppe allerdings nicht. So trennte man sich und stellte den Kontakt zum Branchen-Riesen CBS her. Der biss an, 1989 kam die CD „Mosaique” auf den Markt. Der Rest ist Geschichte: „Bamboleo” & Co. stürmten zunächst die Cafés, Bars und Discos im gesamten Mittelmeerraum. Und über den Umweg der Touristen, die im Sommer 1989 in dieser Gegend Urlaub machten, wurden sie in deren Heimatländer „importiert”.
Was zur Folge hatte, dass die Gipsy Kings nur in den Jahren 1989/1990 Gold- und Platinauszeichnungen in 15 Ländern überreicht bekamen, „Mosaique” ging alleine in Deutschland mehr als eine halbe Million Mal über die Plattentheken. Bis heute hat der Achter über 25 Millionen Tonträger losschlagen können, er ist die erfolgreichste Band Frankreichs und steht an rund 200 Tagen im Jahr auf einer Bühne irgendwo in der Welt.
So weit, so schön für die musikalischen Zigeuner-Könige. Doch wie das mit Bands so ist, deren Lieder man vor allem mit Sommer, Sonne, Strand und Urlaub assoziiert - irgendwann kommt der graue Alltag zurück, zieht der Herbst wieder ins Land. Bis Mitte der 1990er hatten die Alben der Gipsy Kings, die passender Weise stets in der heißen Zeit des Jahres veröffentlicht wurden, noch ordentliche Verkaufszahlen ihrer Platten. Aber Sommer für Sommer wurden diese schwächer, die Auftrittsorte kleiner. Es wirkte, als wäre die Sonne über den Reyes- und Baliardos-Brüdern mehr und mehr verblasst.
Was vielleicht auch daran lag, dass die Musik des Clans eine Zeitlang mehr und mehr durch Synthesizer, E-Bass und Percussion verwässert wurde, während zu Beginn der Karriere lediglich kernig gespielte akustische Saiteninstrumente im Einsatz waren. Dieser neue Mix schien nicht das zu sein, was der Großteil der Gipsy Kings-Anhänger hören wollte. Es kam, was zwangsweise kommen musste - nach den Fans verlor auch die Plattenfirma das Interesse an dem Oktett, 2013 erschien das letzte CBS-Album.
Und Schluss? Nein, ganz so schlimm lief es nicht. Auch weiterhin waren die Gipsy Kings, inzwischen als Sextett, eine beliebte Live-Band, die Aktivitäten beschränkten sich eine Zeitlang aufs Hardcore-Touren. Doch mit einem Mal hatte man 2022 wieder - eher nebenbei - genügend neues Material für ein neues Album komponiert. Und ab sofort galt es vehement, eine Plattenfirma darauf neugierig zu machen. Das gelang, selbst wenn die Wahl des Labels ungewöhnlich ist: „Wienerworld” ist in London ansässig und hat sich eher als neue Heimat für Alt-Rocker in der Musik-Szene einen Namen gemacht. Der Band selbst sind diese Umstände herzlich egal, wie Nicolas Reyes im Gespräch bestätigt: „Wir haben eh alles selbst gemacht”, meint er, „also komponiert, produziert, gemischt. Letztlich ging es darum, einen interessierten Vertrieb für ein fertiges Produkt zu finden.”
Das ist verständlich, denn die Briten bekamen mit „Renaissance” das stärkste - da authentischste - Werk der Gipsy Kings seit den Anfangstagen geliefert. Nix mehr Elektronik, Akustik ist endlich wieder angesagt! Was auch Nicolas Reyes bestätigt: „Wir hatten etliche Jahre lang keinen Plan, wohin wir uns musikalisch bewegen sollten. Und am Schluss auch kaum noch Ideen für neue Lieder. Aber irgendwann waren uns die Musen wieder gnädig gestimmt. Sie flüsterten uns ins Ohr, dass wir uns auf alte Stärken zurück besinnen sollten. Genau das haben wir getan.”
Genau so ist das Leben: Immer wieder geht die Sonne auf. Immer wieder gibt es einen neuen Sommer. Und immer wieder gibt es den dazu gehörigen Hit, gepaart mit ekstatischen Konzerten. Warum nicht einen von den Gipsy Kings?

von: MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
Foto: THEMROC

TOURDATEN:
15. Mai - Berlin - Asta Kulturhaus
16. Mai - Hamburg - Georg Elser Halle
17. Mai - Braunschweig - Schön & Fröhlich
19. Mai - Mannheim - Capitol
21. Mai - Dortmund - FZW
22. Mai - Düsseldorf - Stahlwerk
23. Mai - Mainz - Halle 45
24. Mai - Stuttgart - LKA Longhorn
25. Mai - Saarbrücken - Garage
27. Mai - Nürnberg - Löwensaal
29. Mai - München - TonHalle
30. Mai - Zürich - Komplex 457
31. Mai - Bern - Bierhubell
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