Jazz_News_02.01.26
CHARLES MINGUS-TRIBUTE-KONZERT - ÜBER HEILIGE UND SÜNDERINNEN

CHARLES MINGUS-TRIBUTE-KONZERT - ÜBER HEILIGE UND SÜNDERINNEN

„The Black Saint And The Sinner Lady“ ist eines der komplexesten, außergewöhnlichsten Jazzalben aller Zeiten. Völlig zurecht wird der 40-Minüter in die breit gefächerte Schublade „Avantgarde“ gesteckt. Durch diese Kategorisierung sind die musikalischen Möglichkeiten nahezu grenzenlos. Dazu kommt, dass elf kompetente Mitstreiter auf ihren Instrumenten dem Geschehen Realität verschaffen. Außer Piano, Kontrabass, Gitarre und Schlagzeug sind ausschließlich Blasinstrumente im Einsatz - Trompete, Klarinette, Tuba, Flöte, diverse Saxophone und Posaunen in unterschiedlichen Größen und Stimmlagen. Was vordergründig nach wüstem, heftig improvisiertem Durcheinander klingt, ist tatsächlich ein ausgeklügelt durchdachtes akustisches Konzept.
Großer Zampano hinter der wuchtigen Komposition ist der 1979 verstorbene US-amerikanische Ausnahme-Kontrabassist Carles Mingus. Er war in diesem Fall nicht nur für sein Instrument zuständig, sondern auch als Leiter der Combo und als Komponist, zusätzlich für das Pianospiel. Die Liner Notes der 1963 veröffentlichten Schallplatte zu verfassen hatte Mingus, ein zur Cholerik neigender Charakter, seinem damaligen Psychotherapeuten Edmund Pollock aufs Auge gedrückt, der sich in dem mit 200 Dollar extra dotierten Text vor allem über die seelische Unausgegorenheit seines Patienten ausließ.
Tatsächlich wird „The Black Saint And The Sinner Lady“ von Fans wie von der Fachpresse als ultimatives Mingus-Meisterwerk beschrieben. Nachdem sich der Hörer auf der 1. Seite der Scheibe durch drei Titel wühlt, die an Facettenreichtum neben Jazz auch Blues, Gospel und „Neue Klassik“ bereithalten, ist die 18-minütige dreiteilige Suite, welche die komplette zweite Seite der Platte einnimmt, ein waghalsiger Emotionen-Mix, der von Fragilität, Dynamik bis hin zur Ekstase alles an Gefühlen für die Neugierigen bereit hält.
Ebendieses Ausnahme-Stück nahm Ende vergangenen Jahres, konkret am 22. Dezember, den ersten Part eines Konzerts in der renommierten Münchner Jazz-Kneipe „Unterfahrt“ ein. Die Protagonisten nennen sich „Mingus Ensemble“ und bestehen aus jungen wie alten Spitzen-Musikern, die sich zumindest an jenem Abend komplett den Tönen von „Meister Mingus“ verschrieben haben. Wobei auch hier „The Black Saint…“ als Monument im Vergleich zu dem Sammelsurium an Kompositionen aus sämtlichen Schaffensperioden des Genies im zweiten Tel des Abends heraussticht.
Kontrabassist Martin Zenker ist Initiator und Mastermind der ungewöhnlichen Crew. Ihm ist es vor allem zu verdanken, dass sämtliche Herausforderungen, die diesem Auftritt vorangingen, mit Bravour gemeistert wurden. Tatsächlich hört man herrlich ausgearbeitete Melodien, die sich bereits im nächsten Moment pulverisieren können. Höchste Disziplin und unbändige Freiheit stehen hier dicht beinander, ebenso Tradition und Moderne. Mingus wollte auf knapp 40 Minuten anrührende Harmonien mit brutalen Dissonanzen konfrontieren. Das „Mingus Ensemble“ hat diese eigentliche Kontroverse prächtig im Griff. Trotz etlicher Soli auf beinahe allen Instrumenten steht das „Große Ganze“ permanent im Vordergrund.
Der zweite Part der langen „Mingus-Nacht“ beginnt mit einem swingenden Blues, im Anschluss daran werden die Gemüter mit einer ruhigeren Nummer besänftigt. Dann kommt es zum ausufernden „Meditation On Integration“-Exkurs, der nahtlos in „The Clown“ vom gleichnamigen Frühwerk übergeht. Hier stehen ausnahmsweise Tuba und Querflöte im Zentrum. Schließlich kriegt man „Self-Portrait In Three Colors“ vom grandiosen Werk „Ah-Um“ serviert, ehe man als Zugabe laut Martin Zenker „noch mal richtig die Sau raus lassen will“. Dabei darf natürlich der Standard „Teke The „A“ Train“ nicht fehlen. Beinahe ein Rausschmeißer zum Mitschunkeln. Aber eben nur beinahe, wie das komplette Øeuvre von Charles Mingus, dem großen Avantgardisten des Jazz.

MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK

Bild: Peter Szalata
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