Pop_News_26.12.25
Ultravox - Alt und immer noch frisch

Ultravox - Alt und immer noch frisch

Es gibt nicht wenige Pop-Konsumenten, welche das Quartett Ultravox ausschließlich mit der sonoren Stimme von Frontmann Midge Ure gleichsetzen. Doch das ist bei weitem noch nicht mal die Hälfte der Wahrheit. De eigentlich treibende Figur des - späteren - britischen Quartetts ist ihr Keyboarder Billy Currie. Er meldete sich 1974 auf das Zeitungsinserat des Sängers und Kunststudenten Dennis Leigh, der eine Band suchte.
Currie war ausgebildeter Musikstudent und Violinist, der weg wollte von rein klassischen Tönen. So entstand zusammen mit dem Gitarristen Stevie Shears, dem Bassisten Chris St. John und dem Schlagzeuger Warren Cann die Formation Tiger Lily. Der Fünfer nahm gerade mal eine (erfolglose) Single auf, ehe er sich Ultravox! und schließlich endgültig Ultravox nannte, während Leigh mittlerweile den griffigen Künstlernamen John Foxx angenommen hatte.
Drei Alben entstanden in dieser Besetzung zwischen 1977 - 1979 für das kultige Label „Island“. Currie erinnert sich an diese Frühphase: „Besonders das letzte Werk „Systems Of Romance“ war etwas ganz Besonderes. Nicht nur weil wir es zusammen mit dem spleenigen Produzenten Conny Veit in diesen Studio nahe Köln aufgenommen hatten, sondern weil uns die Medien und die Hörer damit zu den „Pionieren des Synthi-Pop“ kürten, noch vor Depeche Mode oder Yahoo. Darauf waren wir tierisch stolz!“
Biograph Simon Reynolds reflektiert in seinem Buch „Rip It Up And Start Again“ durchaus euphorisch: „Was Ultravox ganz entschieden zu Vorläufern der Synthiepop-Welle der Achtzigerjahre machte, waren ihre europäische Aura und die unterkühlte Bildwelt der Entmenschlichung und Dekadenz, die der Sänger und Textschreiber John Foxx entwarf.“ Der Grundstein für eine große Karriere war gelegt.
Aber der Frontmann wollte diese offensichtlich nicht mittragen. Im Frühjahr 1979 unmittelbar nach Ende einer US-Tournee verkündete Foxx seinen Ausstieg, um sich fortan einer Solokarriere zu widmen. „Das hat uns völlig vor den Kopf gestoßen“, berichtet der heute 75jährige Currie. „Wir Alle mussten uns erstmal sortieren und neu orientieren.“
Der Tasten-Maestro verdingte sich als Keyboarder für die Gothic-Ikone Gary Numan und dessen Solo-Debüt „The Pleasure Principle“. Parallel dazu formierte er das Projekt Visage, zu dem sich über gemeinsame Kontakte aus der Dance-Szene auch der schottische Frontmann Midge Ure gesellte. Der größte Hit der relativ kurze Zeit existierenden Gruppe war der Club-Klassiker „Fade To Grey“.
Doch Billy blickt auf diese Ära zurück mit den Worten: „Ganz begraben hatte ich Ultravox nach wie vor nicht. Auch deshalb nicht, weil sich Visage zu stark an der New Romantic-Bewegung orientierten, welche mir auf Dauer zu süßlich war. Ich wollte zurück zu einem rockigeren Synthie-Pop, mit Midge als neuem Sänger. Er hat in meinen Ohren eine Art zu intonieren, die ganz besonders ist.“
Gleich das erste Album „Vienna“, im Sommer 1980 in den Handel gebracht, bestätigte die Einschätzung von Currie. Die Fans, alte wie neue, liebten das getragene Organ des neuen Frontmanns. Bereits das Titelstück demonstrierte eindrucksvoll, wohin die akustische Reise in den nächsten Jahren gehen würde - eine Reise in die Düsternis des Daseins, ohne dabei die eingängige Melodie zu ignorieren. VIENNA und die nachfolgenden vier Alben knackten die Top Ten der britischen Charts, waren auch in anderen Ländern äußerst erfolgreich.
Doch im Laufe der Jahre wies die kommerzielle wie die künstlerische Erfolgskurve immer weiter nach unten. 1986 wurde U-VOX veröffentlicht, im Anschluss daran ging es auf Welttournee. Ab 1987 gingen die Band-Mitglieder getrennte Wege und im November 1988 erklärten sie die offizielle Auflösung von Ultravox.
Allerdings nicht für lange, denn „ich wollte nicht wahrhaben, dass die Glanzzeit von dieser Gruppe vorbei ist“, erklärt Billy Currie 2025 im Interview. Immer wieder und mit stetig neuen Mitstreitern an Bord ging er auf Tour und nahm weitere Platten auf. Das Vermächtnis war das elfte Studiowerk „Brilliant“ von 2012, dem ein Jahr später eine Mini-Tournee folgte. 2017 sah Billy endgültig ein, dass die Ultravox-Ära vorbei war, auf seiner Homepage erklärte er nun doch seinen definitiven Ausstieg.
Doch der Ruf dieser Kult-Gruppe ist noch nicht gänzlich verhallt. Deshalb ist jetzt die opulente und streng limitierte 4 CD/2 Blu-Ray-Box „The Collection/DeLuxe-Edition“ erschienen. Darin zu finden sind die 14 größten Erfolge aus der Midge Ure-Ära, etwa „Vienna“, „Dancing With Tears In My Eyes“, „Hymn“ oder „All Stood Still“, zusätzlich „The Collection Volume 2“ mit gleichfalls 14 Hits der Jahre 1986 - 2024, außerdem „Extended Versions“ der Klassiker, plus sämtliche Videos sowie TV-Auftritte etwa bei „Top Of The Pops“ und ausgewählte Live-Auftritte, schließlich noch zwei Foto-Bände mit bis bislang unveröffentlichten Aufnahmen. „Das Rundum-Glücklich-Paket“, lacht Billie Currie. „Danach brauchst du nie mehr was von Ultravox. Und wirst auch nie mehr was Neues bekommen.“

MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK

Bild: Chris Duffy
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