Branchen_News_06.02.19
„ER HATTE SIE ALLE! –  50 GESCHICHTEN AUS 25 JAHREN ROCK’N’ ROLL-, ROCK-   UND POP-ABENTEUER“

„ER HATTE SIE ALLE! – 50 GESCHICHTEN AUS 25 JAHREN ROCK’N’ ROLL-, ROCK- UND POP-ABENTEUER“

Deutschlands umtriebiger Musikjournalist, Buchautor und selbst ernannter „Chronist des Irrationalen“ hat ein neues Buch geschrieben. Michael Fuchs-Gamböck erzählt tonart über seine Liebe zur Rockmusik und über Menschen, die sich für wichtiger als Gott halten.



Was hat Sie zu diesem Buch inspiriert?

Nachdem ich mit Verleger Norbert Egger vom AAA CULTURE-Verlag, einem glühenden Musik-Enthusiasten, handelseinig geworden war, dieses Buch für sein Haus in die Gänge zu bringen, hatte ich, nachdem die erste Euphorie verflogen war, ein riesiges Problem: Wen und was wollte ich mit diesem Werk eigentlich erreichen? Großes Grübeln, tage- und vor allem nächtelang. Bis mir das Konzept schließlich unvermittelt klar vor Augen stand - ein Mann in den Fünfzigern, also ich selbst, lässt seine reichlich durchgeknallte berufliche Laufbahn der letzten Jahrzehnte als Rock & Roll-Reporter Revue passieren.
Ich erzähle Geschichten aus einer Ära dieses verrückten Business, die es in der Moderne nicht mehr in jener Form geben wird. Aus dem so einfachen wie tieftraurigen Grund, dass sich die Musik-Branche seit Beginn des aktuellen Jahrhunderts stark verändert hat. Und das nicht zu ihrem Vorteil.
Wir Typen von der Rock-Jounailile werden kaum noch eingeladen, um Musiker zu interviewen, etwa bei sich zu Hause, ob das nun in England, Frankreich, den USA oder Japan liegt. Das liegt zum einen daran, dass viele Künstler die unmittelbare Nähe eines Medienvertreters scheuen, aus Angst, zu viel Intimes über sich zu verraten, im Zeitalter von „Fake News“ und geifernden Boulevard-Medien. Zum anderen verkaufen Plattenfirmen von den Produkten ihrer Künstler in einer Ära von - gerne mal kostenlosen - Downloads beharrlich weniger Kopien. Sparen ist angesagt. Traurige Zeiten für die Musik-Branche. Und für Leute mit meinem Job.

Das klingt eher pessimistisch…

Das soll es auch. Aber egal. Da bin ich. Euer Mann von der Rockmusik-Front. Der Bursche, der seinen Job nach wie vor über alle Maßen liebt. Das bereits seit 1987 und bis heute über 6.000 Interviews mit Künstlern geführt hat, für die unterschiedlichsten Magazine. Ein Ende scheint erfreulicherweise nicht in Sicht. Rock & Roll-Junkies wie ich gehen nicht in Rente.

Spielen Sie selbst ein Musikinstrument?

Nein, ich bin kein Musiker, war nie einer. Das einzige, was ich konnte, waren Etüden aus dem 17. Jahrhundert reichlich hölzern auf meiner Akustischen vom Blatt runterzuklampfen, um dabei die richtige Geschwindigkeit nie einzuhalten. Ein Trauerspiel, von Improvisation keine Spur.
Stattdessen wollte ich Rock & Roll-Reporter werden. Wollte mich mit Menschen treffen, die glauben, genügend Talent zu besitzen, um den Soundtrack für unsere verwischten Träume beisteuern zu dürfen - und wenn ihnen das gelang, sich für wichtiger als Gott zu halten. Das Rock & Roll-Business ist wohl das größenwahnsinnigste und eitelste der Welt. Ich beschloss, größenwahnsinnig und eitel zu werden, um mich mitten rein drängen zu können in diese Enklave der aufgesetzten Ekstase.

Wie entkommt man der Lobhudelei bei so einem Projekt?

Mir war sofort klar, dass ich kein weiterer Steigbügelhalter für die Interessen der Stars werden würde. Ich wollte diesen Herrschaften nicht erzählen, was für klasse Typen sie sind, die immer nur klasse Platten aufnehmen, damit sie ein paar banale Sätze an mich richteten, die ich für gutes Geld an die Hochglanz-Gazetten dieser Welt verkaufen konnte. Dazu musste ich zum einen den Respekt vor den sogenannten Stars verlieren, mich zum anderen darum kümmern, selbst ein kleiner Star zu werden.
Also: Wenn ich Mick Jagger zum Interview traf, musste das so aussehen, als würde ich mit einem alten Kumpel ein paar Erinnerungen austauschen. Wenn ich Madonna zum Interview traf, musste es durchaus drin sein, dass ich in ihr keineswegs nur die Stichwortgeberin für meine Portraits sah, sondern gleichzeitig eine Frau, in die ich mich rettungslos verlieben konnte. Es hat natürlich nicht immer geklappt, dieses „Menschelnde" herzustellen, weil man im Interview-Normalfall gerade mal eine knappe Stunde Zeit hat, sich mit einem Wildfremden zu unterhalten, den man ausschließlich durch seine Lieder kennt. Da wird es dann selbst für einen extrovertierten Menschen wie mich schwierig, einen Direktkontakt zum Gegenüber herzustellen.
Trotzdem gab es, seit ich im Januar 1987 mein erstes Interview mit einem „Star" führte, immer wieder Gelegenheiten, in denen ich die Chance bekam, Gleicher unter Gleichen zu sein. Was in diesem Falle zu bedeuten hat: gleich verrückt, gleich egozentrisch, gleich hart am Rand. Denn von ihrem zur Schau gestellten Anderssein lebt diese Branche, immer noch, auch wenn sie schon mal mehr Glamour, Dekadenz und Irrsinn verströmt hat.


Sie sind nach all den Jahren also nach wie vor von der Branche fasziniert?

Die hier versammelten 50 Anekdoten - plus ein Bonus-Track - aus den Jahren 1990 bis 2015 folgen der Spur, warum Rock & Roll so wichtig für das Gros der Menschheit ist, warum diese unheimliche Faszination von ihm ausgeht. Und mittendrin ich, nicht immer nüchtern, schon gar nicht objektiv - und bereit zu jeder Schandtat, Hauptsache überraschend, überkandidelt, überwältigend.
Ich hatte immer Lust, Chronist des Irrationalen zu sein, und wenn ich mich dabei selbst verlor - umso besser! Einziger Anspruch: der Wahrheit verpflichtet zu sein, auch wenn sie noch so monströs daherkommt, noch so unwirklich. Das Rock & Roll-Leben kennt keine Gesetze, höchstens die eigenen, und die sind in keinster Weise definiert. Diese anarchische Gesetzlosigkeit ist es, die mich (und Milliarden andere Bewohner dieses Planeten) dermaßen außerordentlich fasziniert.
Bleibt die Frage offen, ob der Chronist tatsächlich mehr sein darf als der Fragensteller für die Projektionsscheiben des öffentlichen Interesses, die „Stars". Ob er sich bis zum Äußersten in eine Geschichte einbringen darf. Und ich antworte dann ganz ungeniert: „Aber natürlich, so lange die Story spannend erzählt ist!“

Michael Fuchs-Gamböck, der Voyeur?

Unbedingt! Aber immer ein Voyeur, der es gut meint mit dem Objekt seiner Begierde. Und der sich eben keine Lügen erlaubt. Und der über Geschmack nicht mit sich streiten lässt. Und schon gar nicht über seine Menschenkenntnis. Ein Unbelehrbarer eben, doch hoffentlich nicht komplett unsympathisch. Hey, ich will doch auch geliebt werden…red.
Zu den Branchen_News
tonart Ausgabe Frühjahr 2019/1

Magazin lesen