Klassik_News_03.10.18
Sex, Lies and Opera

Sex, Lies and Opera

Erl ohne Erntedank – zumindest im Festspielhaus. Das Tiroler Passionsspiel- und inzwischen auch Musikfestspieldorf kommt nicht zur Ruhe. Nachdem der dortige Klangzampano Gustav Kuhn im Zuge der gegen ihn und die Geschäftsleitung seit Monaten erhobenen und immer weiter detaillierten Vorwürfe der Ausbeutung wie auch des sexuellen Missverhaltens bis zur Aufklärung der Vorfälle seine Leitungsaufgaben „ruhend“ gestellt hatte, wurde er jetzt zudem kurzfristig von seiner Dirigaten abgezogen.

Der Vorstand der privat geführten, aber mit Landesmitteln bezuschussten Stiftung Erl hat Kuhn am Freitag, wie es offiziell heißt, „von den geplanten Dirigaten entbunden“. Die Begründung: „Weiterer Schaden soll von den Festspielen abgehalten werden.“ Kuhn ist nun zumindest in Erl arbeitslos. Weil dieser Vorgang aufgrund der wachsenden politischen Widerstände so kurzfristig erfolgte, mussten die anstehenden Erntedankkonzerte im Festspielhaus vom 5. bis 7. Oktober abgesagt werden.

Es könnte sein Schwanengesang werden. Denn man geht nicht davon aus, dass die Sache bis Weihnachten, der nächsten Festspielsaison, geklärt sein wird. Für die Winterfestspiele von 26. Dezember bis 6. Januar sind Bachs Weihnachtsoratorium, dazu Opern und Konzerte angesetzt. Man hofft, Ersatz für den Erlkönig zu finden – doch wird auch das Publikum weiterhin kommen? Für nicht wenige war eben Gustav Kuhn der Grund, dieses nicht eben billige, aber weitgehend mit No-Names operierende Musikfestival zu besuchen.

Mehrere, inzwischen auch namentlich bekannte Künstlerinnen werfen Kuhn sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch vor. Kuhn dementiert. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck und die Gleichbehandlungskommission des Bundes sind inzwischen mit den Vorfällen befasst. Nur wenn beide Stellen ihn entlasten, soll Kuhn nach Erl zurückkehren und seinen Vertrag bis 2020 erfüllen. Das hat der Stiftungsvorstand – mit dem superreichen Kuhn-Freund (und Erl-Präsident) Hans Peter Haselsteiner sowie Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) – ausdrücklich betont.

Gustav Kuhn nimmt zudem eine Schlüsselposition beim Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ in Gütersloh ein. Hierzu teilt die veranstaltende Bertelsmann Stiftung aktuell mit: „Gustav Kuhn lässt auf eigenen Wunsch seine Aufgaben als künstlerischer Leiter des internationalen Opernwettbewerbs Neue Stimmen ruhen. Er wird daher beim diesjährigen Meisterkurs nicht teilnehmen.“

Kein Kuhn also vorerst mehr in Gütersloh, und in Erl fehlen nun nicht nur das Aushängeschild, sondern auch die Oktober-Einnahmen. Statt Konzerten sollen Proben abgehalten werden. Zudem sind bei der Staatsanwaltschaft Kufstein 100 Strafverfahren gegen die Festspiele anhängig. Es geht dabei um den Verdacht der illegalen Beschäftigung von Ausländern und um nicht bezahlte Sozialabgaben. Das Tiroler Arbeitsmarktservice (AMS) hat den Festspielen nach wiederholten Übertretungen bereits die weitere Beschäftigung von Bürgern aus Nicht-EU-Staaten bis Januar 2019 untersagt. Ein großer Teil des Orchesters wurde bisher aus Weißrussland rekrutiert.

Inzwischen war Kuhns Stelle als Leiter der Festspiele ausgeschrieben worden, da er sich 2020, seinem 75. Geburtstag, zurückziehen wollte. Doch wie es heißt, wollte er weiterhin dirigieren und seine Produktionen selbst besetzen. Das dürfte nun erst einmal fraglich sein. Insofern hätte die aussichtsreichste Bewerberin dort größere Machtfülle: Es handelt sich um die Deutsche Christina Scheppelmann, die das Opernhaus in Oman aufgebaut und gegenwärtig dem Gran Teatre del Liceu in Barcelona vorsteht, wo sie mit ihrem Direktor nicht auskommen soll. So aber würde ihr der Abstieg nach Erl wohl leichter fallen. Manuel Brug

Bild: Gustav Kuhn © Xiomara Bender
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