Klassik_News_01.06.18
Die schmutzige Wäsche der Klassik kommt vor Gericht

Die schmutzige Wäsche der Klassik kommt vor Gericht

Die wunderbare Welt der klassischen Musik hat im Zuge der #MeToo-Debatte Schaden genommen. Immer neue Affären kommen ans Licht. Und werden jetzt von der Met bis nach München von der Justiz verhandelt.

Jetzt wird es in der sauberen Klassik richtig schmutzig. Denn jetzt übernehmen die Gerichte.
Der Dirigent Charles Dutoit, dem infolge der #MeToo-Debatte von einer Vielzahl auch prominenter Künstlerinnen sexuelle Übergriffigkeit vorgeworfen wurde und alle seine Jobs verlor, hat rechtliche Schritte angekündigt. Konkret hat er sie bisher noch nicht werden lassen.

Gustav Kuhn, Dirigent und Chef der Festspiele im österreichischen Erl, hatte sich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt gesehen. Er hat gegen den für die Veröffentlichung der angeblichen Übergriffe verantwortlichen Tiroler Blogger tatsächlich in Innsbruck geklagt. Vor dem wohl entscheidenden dritten Verhandlungstag hatte er allerdings zwei von drei Klagen (Streitwert: 100.000 Euro) zurückgezogen. Angeblich waren schon die Aussagen einer Sängerin am zweiten Verhandlungstag für ihn problematisch geworden. Nun hätte eine weitere in den Zeugenstand treten sollen. Kuhn selber begründet das plötzlich handzahm, er wolle dem Blogger ja nicht finanziell schaden...

In New York hingegen wird bald ein doppelter Rechtsstreit ausgetragen werden. Die Metropolitan Opera zieht wegen der Missbrauchsvorwürfe gegen den Stardirigenten James Levine, ihren langjährigen, inzwischen aller Ämter und Ehren enthobenen künstlerischen Leiter vor Gericht. In der kürzlich beim Obersten Gericht in eingereichten Klage führt das Opernhaus sieben Fälle sexuellen Missbrauchs auf, die im Zuge einer internen Untersuchung ans Licht gekommen seien. Laut Klageschrift wirft die Met Levine vor, von Mitte der Siebziger bis 1999 sieben Männer missbraucht oder belästigt zu haben.

Das Opernhaus fordert von ihm mindestens 5,85 Millionen Dollar (knapp fünf Millionen Euro) Entschädigung, weil er nicht die erforderliche Loyalität gezeigt und dem Ruf sowie den Finanzen des Hauses geschadet habe. Die mutmaßlich missbrauchten Männer werden nicht namentlich genannt. In der Klage wird der Fall eines zunächst noch jugendlichen Musikers aufgeführt, den Levine ab 1986 zu gegenseitiger Masturbation gezwungen haben soll. Er soll ihm im über Jahre hinweg rund 50.000 Dollar gezahlt haben.

Dargelegt wird auch der Fall eines Opernsängers, den Levine gewaltsam geküsst und gestreichelt haben soll. Levines Anwälte weisen alle Anschuldigungen kategorisch zurück.
Fünf der sieben Fälle waren laut "New York Times" bislang nicht bekannt. Die Zeitung hatte Anfang Dezember zusammen mit der "New York Post" den Skandal öffentlich gemacht. Der "Boston Globe" hatte mit weiteren, unappetitlichen Recherchen vor allem aus seiner Frühzeit in Cleveland nachgelegt.

Die Met weist in ihrer Klage somit auch die Vorwürfe von James Levine zurück. Dieser hatte sofort nach seinem Rauswurf im März das Opernhaus wegen Vertragsbruchs und Diffamierung verklagt. Man hätte ihm überhaupt nicht kündigen können. Levine forderte ebenfalls 5,8 Millionen Dollar Entschädigung. Der Dirigent wies alle Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs zurück und warf der Leitung des Opernhauses vor, die #MeToo-Debatte auszunutzen, um sich an ihm zu rächen.

Met-Manager Peter Gelb soll gesagt haben, der Aufsichtsrat der Met wäre Levine gern schon viel früher losgeworden. Levines Klage beweise nur, in welch einer Scheinwelt jenseits jeder Realität er inzwischen lebe. Auch der designierte Musikchef des Hauses, der 43-jährige Kanadier Yannik Nézet-Seguin, sagte: "Der Dirigent ist ja nur ein Stellvertreter, weil er sichtbar viel Macht über seine Musiker hat. Die wichtige Lehre, die ich als jüngere Dirigent aus der #MeToo-Debatte ziehe, ist, wie sehr man heute eine Machtstellung auch hinterfragt. Nichts ist mehr absolut, und das ist gut so."

Weiter sagte Nézet-Seguin: "Ich darf Macht nur für eine Sache einsetzen, nicht für die Zementierung meiner Position oder gar deren Missbrauch. Es muss unumstößliche Grenzen dafür geben. Musikmachen hat für mich mit absoluter Ehrlichkeit und tiefen menschlichen Werten zu tun. Wenn man die nicht lebt, dann kann man sie auch nicht in den Tönen hörbar machen."

In München hingegen wurde jetzt zum zweiten Mal der Pianist und ehemalige Präsident der Münchner Musikhochschule Siegfried Mauser verurteilt. Beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Nach einer Bewährungsstrafe soll er nun freilich zwei Jahren und neun Monaten ins Gefängnis. Die Richterin hielt den Angeklagten in drei Fällen der sexuellen Nötigung für schuldig. Wegen Vergewaltigung wird Mauser hingegen nicht bestraft.
Grund ist das zum Tatzeitpunkt geltende, noch nicht wie heute verschärfte Sexualstrafrecht. Eine weitere Anklage gegen den ebenfalls an der Hochschule lehrenden Kompositionsprofessor Hans Jürgen von Bose wegen mehrfacher Vergewaltigung der Schwester eines seiner Schüler wurde bisher nicht zugelassen. Manuel Brug

Bild: © Arthur Umboh / DG
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tonart Ausgabe Winter 2018/4

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