Branchen_News_20.04.18
Hallo, Echo!

Hallo, Echo!

- Kollegah und Farid Bang wurden in diesem Jahr beim Musikpreis „Echo“ für ihr Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ ausgezeichnet – trotz einer Zeile über Auschwitz-Insassen. Die Kritik an dieser Entscheidung war massiv, den beiden Rappern wurde Gewaltverherrlichung und Judenhass vorgeworfen. Vor kurzem reagierte ihre Plattenfirma, die Bertelsmann-Tochter BMG, und startete eine Kampagne gegen Antisemitismus.
„Wenn man irgendwo ansetzen muss, dann bei den Leuten im Hintergrund, die das verantworten und aus Profitinteresse pushen: Bei den Bertelsmann-Managern“, sagte Sven Regener. Der Element Of Crime-Musiker und Buchautor hat im Interview mit der „Zeit“ über den Sieg von Kollegah und Farid Bang beim Echo gesprochen. „Ohne Bertelsmann würden Kollegah und Farid Bang bei Weitem nicht so viele Platten verkaufen“, meinte Regener.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis in der aktuellen Debatte um die Songtexte von Kollegah und Farid Bang auch Kritik an Bertelsmann laut werden würde. Denn BMG, eine Bertelsmann-Tochter, vertreibt die Platten der Rapper. Nach Angaben der „Bild“ hat die Plattenfirma mit dem gemeinsamen Album der beiden „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ mittlerweile mehr als vier Millionen Euro umgesetzt.
Kollegah und Farid Bang waren beim diesjährigen Echo ausgezeichnet worden, obwohl sich auf der gemeinsamen Platte Passagen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ und „Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm‘ an mit dem Molotow“ finden. Während der Veranstaltung nutzte der Frontmann der „Toten Hosen“, Campino, seinen Auftritt, um harsche Kritik an der Jury-Entscheidung zu äußern. Provokation sei zwar ein wichtiges Stilmittel und könne viel Gutes bewirken. Doch seine persönliche Grenze sei überschritten, wenn die Provokation eine frauenfeindliche, homophobe, rechtsextreme oder antisemitische Form habe, so Campino.
Tagelang meldeten sich außerdem immer mehr Künstler zu Wort, die ankündigten, ihre Echos zurückgeben zu wollen, darunter Marius Müller-Westernhagen und Klaus Voormann. Der Präsident des Deutschen Musikrates, Martin Maria Krüger, hat sich aus dem Echo-Ethikbeirat zurückgezogen und mit der Naturkostsafterei Voelkel ist auch der erste Sponsor des Events abgesprungen.
Als Reaktion auf den Protest kündigte der Veranstalter der Preisverleihung an, das Konzept erneuern zu wollen. Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärte Florian Drücke, Vorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI): „Als Konsequenz (…) wird der Preis auf Entscheidung des Vorstandes vom heutigen Tag nun überarbeitet werden“. Das schließe die „umfassende Analyse und die Erneuerung der mit der Nominierung und Preisvergabe zusammenhängenden Mechanismen“ ein.
Und auch Bertelsmann beziehungsweise Kollegahs und Farid Bangs Plattenfirma BMG will den (Image-)Schaden jetzt offenbar schnellstmöglich begrenzen. In einer Pressmitteilung erklärte das Unternehmen, man wolle ein Zeichen gegen den wachsenden Antisemitismus setzen und bereite dazu eine Kampagne vor. „Gemeinsam mit sachverständigen Organisationen sollen Projekte zur Bekämpfung der besorgniserregenden Entwicklung an Schulen – insbesondere in Berlin – ausgesucht werden. BMG stellt dafür 100.000 Euro zur Verfügung“, hieß es in der Mitteilung. Das Unternehmen will sich mit dieser Initiative nach eigenen Angaben der wachsenden öffentlichen Besorgnis über zunehmenden Antisemitismus stellen, die im Kontext um den kontroversen Auftritt der Künstler Kollegah und Farid Bang beim diesjährigen ECHO geäußert wurde.

Bild: Klaus Voormann vor den legendären Abbey Road Studios in London.
© Paul Crowther
Zu den Branchen_News
tonart Ausgabe Winter 2018/4

Magazin lesen